Ein letztes Mal tritt der alte König von Werpeloh vor sein Volk. Auf seinen Schultern ruht die Amtskette, mehr als 15 Kilo Silber, ein Orden für jeden seiner Vorgänger. Schon morgen wird er die Insignie seinem Nachfolger übergeben, doch an diesem Sonntagnachmittag gebührt der Ruhm noch ihm, Martin Schmitz dem Ersten. Kompanien aus 13 Nachbardörfern sind auf dem Sportplatz angetreten, knapp tausend Männer in Uniform. "Mein Kindheitstraum war es, einmal König zu sein", ruft der König ins Volk. Er wendet sich seiner Frau zu. "Dir, liebe Annette, meiner Königin, muss ich besonders danken." Sie greift seine Hand. Eine Träne rinnt ihr übers Gesicht.

Die Sache mit der Monarchie ist eine emotionale in Werpeloh. Dehnt man das Dorf auf nationale Größe, entspricht der Bürgermeister dem Kanzler, der Schützenkönig aber dem Bundespräsidenten. Aus befreundeten Paaren wählt er sein Throngefolge, gemeinsam repräsentieren sie Werpeloh auf den Schützenfesten der Nachbardörfer. Einmal im Jahr veranstalten sie den großen Schützenball, aber auch in jeder anderen Woche trinken sie Schnaps mit ihrem Volk. Mehrere Tausend Euro kann das Amt kosten. Doch das ist es den Monarchen wert: "Wenn du hier lebst, ist der Titel das Größte", sagt Martin Schmitz der Erste, 52, geboren auf einem Bauernhof in Werpeloh.

Am Abend spielt eine Coverband Helene Fischers Atemlos. Im Festzelt zielen ein paar Jungs mit Luftgewehren auf Plastikrosen, dazwischen sitzt ein melancholischer König. Er weiß, seine Zeit läuft ab.

Schon am Nachmittag begann der Kampf um seine Nachfolge. 30 Männer traten zur Vorrunde an. 16 von ihnen trafen ins Schwarze. Morgen früh, zum Finale, werden sie sich wiedersehen. Was müssen die Thronanwärter können, um König zu werden?

Der Vorstandsvorsitzende des Schützenvereins, Oberst genannt, zählt drei Bedingungen auf: "Über 18 Jahre alt sein, trinkfest sein – und besser zielen können als die anderen. Mehr braucht es nicht."

Wirklich?

Im Festzelt erzählen die Dorfbewohner eine andere Geschichte. Einer, der seinen Namen nicht nennen möchte, nimmt einen Schluck Bier, dann sagt er: "Es ist vorgekommen, dass Männer König wurden, die kaum schießen konnten." Seine Vermutung: Der Vorstand entscheide schon vor dem Schießen, wer König werde. Er nimmt noch einen Schluck, dann flüstert er: "Wichtiger als eine ruhige Hand ist ein Stein im Brett beim Oberst."

"Quatsch", sagt der Oberst, wenn man ihn darauf anspricht. Er lächelt dabei.

Nur angenommen, der Vorstand suchte tatsächlich den König schon vor dem Schießen aus – es hätte einige Vorteile. Der Vorstand könnte darauf achten, dass der König seine Zeche auch zahlen kann. Und dass der König nicht zweimal hintereinander aus demselben Ortsteil oder derselben Familie kommt. So wäre fast jeder mal dran, fühlte sich geachtet. Die Krönung als integrative Maßnahme? Der Informant im Festzelt nickt.

Auch mancher Dorfbewohner glaubt zu wissen, wer in diesem Jahr König werden könnte. Im Festzelt tuscheln sie, raunen Namen. Zwei Favoriten haben sie unter den Finalisten ausgemacht. "Bernd Schmits", sagt die Wirtin der Dorfkneipe, "der ist mal dran. Ein Ur-Werpeloher." Schmits, den man hinten mit s schreibe, sei nicht verwandt mit dem alten König Schmitz, sagt sie, das erhöhe seine Chancen. Im vergangenen Jahr sei er Vize geworden, im Jahr davor verzichtete er: Seine Frau hatte sich das Handgelenk gebrochen, und eine invalide Königin, das gehe ja nicht, sagt die Wirtin.

Ein Mädchen im Festzelt setzt auf einen anderen Schützen. "Torsten Eilers", sagt sie, "der hat es verdient." Er sei zwar ein Zugezogener, ein Butendabbler, wie man hier sagt. Doch der junge Dorfpolizist sei "inzwischen mehr Werpeloh als die meisten hier". Er spiele die Tuba im Blasorchester und habe sogar den Namen seiner Frau angenommen: Eilers, einen der häufigsten Namen im Ort.