Eines sei sicher, schreibt der britische Biologe William Bateson im Jahr 1905: "Die Menschheit wird anfangen, sich einzumischen." Wenige Jahre zuvor war Bateson auf einen vergessenen Aufsatz eines österreichischen Mönches gestoßen. Dank akribisch geplanter Erbsenzucht-Experimente hatte dieser Mann, Gregor Mendel, die Grundregeln der Vererbung bestimmt. Bateson erkennt sofort, dass Mendel auf ein Prinzip von höchster Bedeutung gestoßen ist. Er verschreibt sich fortan der Aufgabe, dieses Prinzip – er nennt es Genetik – der Wissenschaft bekannt zu machen. Dabei ist Bateson klar, dass Mendels Entdeckung irgendwann zu Experimenten führen wird, die weniger harmlos sind als Versuche mit Erbsen: "Die Unkenntnis über die ferneren Konsequenzen einer Einmischung hat solche Experimente nie lange hinausgezögert."

Bateson wird recht behalten. "Kloniere oder stirb" steht gut 70 Jahre später auf einem T-Shirt, in dem David Goeddel in einer Lagerhalle südlich von San Francisco herumläuft. Goeddel ist Angestellter einer Firma namens Genentech. In dem schmuddeligen Rohbau versucht er mit seinen Kollegen, ein menschliches Gen in das Erbgut eines Bakteriums einzuschleusen – zu klonieren, wie Biologen sagen. Das Ziel: Mikroorganismen sollen menschliches Insulin produzieren, einen Stoff, von dem Diabetes-Patienten weltweit abhängen. Um Geld zu sparen, teilt sich Genentech die Lagerhalle mit einem Versandhändler. Die Kulisse, vor der die Forscher Hybridlebewesen aus Mensch und Bakterium erschaffen: Regale voller Pornovideos. Die Geschichte der Genetik ist schmuddelig, das wird bei der Lektüre von Siddharta Mukherjees neuem Buch deutlich. Und sie ist von Anfang an eine Geschichte der Einmischung. Sie spielt nicht nur in idyllischen Klostergärten und abgewrackten Lagerhallen, sondern auch in der US-amerikanischen Stadt Lynchburg, wo Ärzte die 21-jährige Carrie Buck 1927 einer eugenischen Zwangssterilisation unterziehen. Sie spielt in Auschwitz, wo der Lagerarzt Josef Mengele perfide Experimente an Zwillingen durchführt.

Schon für sein erstes Sachbuch über Tumorbiologie bekam der New Yorker Arzt und Krebsforscher Mukherjee 2011 den Pulitzerpreis. Jetzt liegt die deutsche Übersetzung seines zweiten Buches vor. Es geht um die Erforschung der grundlegenden Einheiten der Vererbung. Mukherjee hält sich an sein Erfolgsrezept und verwebt historische Ereignisse wieder mit einer persönlichen Geschichte. Dieses Mal ist es seine eigene oder besser gesagt: die seiner Familie. Mukherjee besucht in Kalkutta seinen Cousin, der an Schizophrenie erkrankt ist. In der Verwandtschaft gibt es eine auffällige Häufung psychischer Krankheiten, mehrere Onkel litten ebenfalls an Schizophrenie oder waren manisch-depressiv. Ist dieses Schicksal in der DNA der Familie festgeschrieben? Oder ist es eine Folge der traumatischen Flucht und Entwurzelung nach der Teilung von Indien und Pakistan, wie Mukherjees Großmutter glaubt?

Seine Suche führt den Autor zur alten Frage nach der Vorherrschaft von Genen oder Umwelteinflüssen. Anders als in seinem ersten Buch schreibt er hier nicht über sein Spezialgebiet, weshalb er im letzten Jahr bereits Prügel von Fachleuten bezog. Der New Yorker hatte vorab ein Kapitel über Epigenetik abgedruckt – über die Mechanismen, die das Wirken der Gene beeinflussen, ohne den eigentlichen Code im Erbgut zu verändern. Nach Meinung der Kritiker hatte Mukherjee darin einen zu starken Fokus auf epigenetische Mechanismen gelegt, deren Bedeutung unter Experten umstritten ist, und andere unterschlagen, die nach heutigem Stand der Forschung eine große Rolle spielen. Der Autor hat darauf reagiert – in die deutsche Übersetzung sind bereits einige Änderungen eingeflossen. Wenn es gegen Ende des Buches um aktuelle Entwicklungen in der Gentechnik geht, spürt man nun eine gewisse Unsicherheit, es häufen sich die Fußnoten mit Ausführungen und Einschränkungen.

Dennoch ist es ein sehr gelungenes Sachbuch. Das liegt daran, dass sich Mukherjee als Krebsforscher mit einer bestimmten Eigenschaft von Genen eben doch bestens auskennt: mit ihrer Tendenz zur Mutation. Er macht deutlich, dass wir der Instabilität unseres Erbguts nicht nur todbringende und verstörende Krankheiten zu verdanken haben, sondern auch unsere Vielfalt und Lebendigkeit. Wie ein roter Faden zieht sich durch das Buch ein Plädoyer für das Unnormale, für die Mutanten, die wir letzten Endes alle sind. In Zeiten der Gendiagnostik ist dieses Plädoyer dringend notwendig. Denn die Einmischung, die William Bateson schon 1905 voraussah, ist heute einfacher denn je.

Siddhartha Mukherjee: Das Gen. Eine sehr persönliche Geschichte;
a. d. Engl. v. Ulrike Bischoff; S. Fischer, Frankfurt/M. 2017; 768 S., 26,–