Tito Tettamanti ist Financier. Er lebt im Tessin. © Andreas Meier/Reuters

Die Krise der sozialdemokratischen Parteien in Europa war Anlass für zahlreiche besorgte Kommentare und Analysen. Man bedauerte die fehlenden linken Vordenker oder konstatierte eine Rebellion gegen die linken Sonntagsprediger und ihre Unfähigkeit, Antworten auf die heutigen Probleme zu geben. Hochinteressant war ein Beitrag von Verena Hasel in der ZEIT (Nr. 17/17), welche die politische Korrektheit als linke Variante von Fake-News entlarvte.

Ungeachtet der politischen Couleur der regierenden Partei, hat sich das sozialdemokratische Regierungsmodell in Europa durchgesetzt. Nur allzu begreiflich, dass die heutigen Sozialisten für die Misere auf dem Kontinent verantwortlich gemacht werden.

Wer für die Anti-Establishment-Bewegungen stimmt, für den sind die Sozialdemokraten Vertreter der Macht, Verräter der armen Klassen. Die Sozialdemokraten sind heute Mittelklasse-Parteien, sie vertreten die Interessen der Beamten, Lehrer, Journalisten, der Bobos und Liblabs. Also nicht mehr die Arbeiterschaft, sondern eine neue bürgerliche Klasse, gesellschaftlich sehr offen, aber wirtschaftlich etatistisch-konservativ.

Das aber bringt die Genossen in die Zwickmühle: Eine internationalistische Partei mit multikulturellen Neigungen kann nicht gegen die Europäische Union und den Euro sein. Sie kann nicht die Immigration anprangern, vor der sich viele ihrer ehemaligen Wähler fürchten, betrachtet sie doch deren Kritiker als ungehobelt, rassistisch und gefühlslos.

Der italienische Soziologe Luca Ricolfi schrieb in seinem kürzlich erschienen Buch Sinistra e popolo: Die Wurzel der sozialdemokratischen Krise liege in der Sprache, die heute dem Imperativ der politischen Korrektheit gehorcht. Den Intellektuellen der Linken sei es gelungen, von den Leuten zu verlangen, wie sie sprechen sollen. Gefühlvoll, nachsichtig, die Geisteshaltung des ständigen und systematischen Verzeihens pflegend, mit Empathie und menschlicher Wärme und Würde, die das Konzept der Ehre ersetzen würden. So schreibt Ricolfi.

Daraus ist eine Art von ethischem Fundamentalismus entstanden. Die ehemaligen sozialdemokratischen Wähler würden nur lachen, wenn sie wüssten, dass man in Italien Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie streichen will, weil sie die Sensibilität der Frauen oder anderer diskriminierter Gruppen anscheinend beleidigen könnten. Sie ärgern sich aber umso mehr, wenn zu Weihnachten die Krippe in der Schule ihrer Kinder nicht wie üblich gestaltet wird, um die Gefühle der muslimischen Kinder beziehungsweise deren Eltern nicht zu verletzen.

Der Straßenputzer wird nicht aus Dankbarkeit links wählen, weil er heute "Ökologischer Mitarbeiter" genannt werden soll. Er kann die hitzig geführten Kämpfe für jede Art von Minderheiten nur schwer nachvollziehen und hält die Debatte über Transgender-Toiletten schlicht für überflüssig.

Die unteren sozialen Schichten spüren, dass ihre eigenen Probleme für die Sozialdemokraten nur noch zweitrangig sind. Diese vertreten heute andere Interessen und Milieus.

Einige prominente Sozialdemokraten plädieren deshalb für eine Erneuerung ihrer Parteien. Das ist sicher notwendig, wenn auch nicht leicht.

So oder so genügt es nicht, sich daran zu erfreuen, dass in Österreich ein Alt-Grüner Bundespräsident wurde, dass in Frankreich ein Emmanuel Macron die Wahlen gewonnen hat, dass in Deutschland Angela Merkel Ende September zum x-ten Mal Kanzlerin wird.

Die Le Pens und Mélanchons, die AfD und die FPÖ, sie sind noch immer da – und bereiten uns Sorgen, wie es mit unserem Kontinent weitergehen soll.