In seinem Leben als Knöllchenschreiber hat sich Ömer Erken* schon einiges gefallen lassen. Als Arschloch hat man ihn beschimpft, und einer seiner Kollegen wurde von einem Anwohner in den Arm gebissen. Aber noch nie hat ihm jemand zugerufen, laut und drohend, in holperndem Deutsch: "Ich ficke dich in Arsch. Ich schlage dich kaputt!" Noch nie hat er so viele Polizisten gesehen, die wegen eines Streits um eine läppische Verwarnung auftauchen, noch nie hat er Anwohner erlebt, die auf Beamte eindreschen, noch nie einen Uniformierten bluten sehen, so viel Gewalt wegen eines belanglosen Strafzettels. Er musste auch noch nie mit seiner Familie in ein Hotel ziehen und sich monatelang vor Menschen verstecken, die Knöllchenschreiber verabscheuen.

Das Drama beginnt an einem Samstag im November vergangenen Jahres in der Stadt Düren, nicht weit von Aachen entfernt. Ömer Erken, der seit zehn Jahren beim Ordnungsamt arbeitet und sich eine "Überwachungskraft im ruhenden Straßenverkehr" nennt, fährt zu einem seiner "Beschwerdepunkte", der Scharnhorststraße. Erken ist auch samstags unterwegs, seit einige Bürger maulen, die Leute vom Ordnungsamt seien faul und ließen sich am Wochenende nicht blicken. Erken trägt Jeans und ein Freizeithemd, nicht seine blaue Uniform. Er will nicht auffallen, weil er Beschwerdeführer nicht als Denunzianten bloßstellen will, wenn er sich mit ihnen unterhält und dabei von Nachbarn beobachtet wird. Erken wurde vom arbeitspsychologischen Dienst der Stadt mehrmals geschult, er besuchte Seminare zum Thema Konfliktmanagement. In Rollenspielen lernte er, wie man eine Eskalation verhindern kann.

Seine Eltern stammen aus der Türkei, das kann für ihn von Vorteil sein – oder auch nicht. Manche Falschparker mit türkischer Herkunft erwarten von ihm, dass er Milde walten lässt. Aber davon hält er nichts. Sogar seinem Vater hat er schon Knöllchen unter den Scheibenwischer geschoben, der Chefin im Ordnungsamt auch. Falschparker vor Moscheen verwarnt er regelmäßig.

In der Scharnhorststraße leben eine Menge Menschen, die nicht in Deutschland geboren wurden. Viele von ihnen stellen ihre Autos irgendwo auf der Straße ab, vor Pollern und auf Zebrastreifen, der Parkraum ist knapp. Es ist 12.15 Uhr, als Ömer Erken die Kennzeichen von sechs Autos in sein Gerät eingibt, das die Strafzettel ausdruckt. Die Wagen wurden in der falschen Fahrtrichtung abgestellt, oder sie stehen auf einem Gehweg. Erken nimmt es in dieser Hinsicht sehr genau.

Dem Mann, der auf der anderen Straßenseite die Räder seines Autos wechselt, gehört keines der falsch geparkten Autos, aber er regt sich maßlos auf. Diese Straße gehöre ihm, schreit der Mann herüber, Erken solle verschwinden. So berichtet es der Knöllchenschreiber später auch dem Gericht, das über den Fall verhandeln wird.

Als der aufgebrachte Anwohner droht, den Knöllchenschreiber umzubringen, will Erken eine Anzeige schreiben und verlangt nach dem Personalausweis des Mannes. Der weigert sich, und Erken ruft die Polizei. Ein Streifenwagen mit zwei Polizisten fährt vor, aber mit einem Mal stehen weitere Männer vor dem Haus – Söhne des herumschreienden Mannes, breitschultrige Kerle mit dunklen Bärten. Der 47-jährige Vater, Faruk Murad, will sich nicht beruhigen, sodass ein Polizist ihn anbrüllt: "Ich kann auch schreien! Hier gewinnt nicht, wer am lautesten schreit!"

Wer daraufhin wen zuerst in welcher Weise berührt hat, ist nicht mehr eindeutig zu sagen. Fest steht, dass es zu einem Gerangel kommt und dass einer der Polizisten den Vater auf Distanz halten will und ihm Pfefferspray in die Augen sprüht. Daraufhin nimmt einer der Söhne, wahrscheinlich der älteste, den Polizisten in den Schwitzkasten, bearbeitet ihn mit den Fäusten und schlägt ihm mit dem Radmutternschlüssel ins Gesicht, der gerade noch auf dem Boden lag. Die Augenhöhle wird dabei zertrümmert, dem Beamten läuft Blut aus den Ohren. "Ich dachte, es ist zu Ende", wird er später zu einem seiner Kollegen sagen. "Ich habe die Lichter ausgehen sehen."