Plötzlich sind sie wieder da, stehen an einer Straßenecke, wie damals auf der Reeperbahn, als ich sie das erste Mal sah: Denmantau, die fünf Jungs aus Wilhelmsburg mit dem plattdeutschen Band-Namen, den man Neuhamburgern erst mal übersetzen muss. "Den man tau" – dann mal los. Das ist ihr Motto, danach handeln sie. Rausgehen, singen, Geld einsammeln, weiterziehen.

Im August 2012 sah ich sie zufällig auf der Reeperbahn nachts um halb elf, vor diesem dänischen Hotdog-Laden, in dem sich Udo Lindenberg hin und wieder die Mayonnaise von der Brille wischt. Da bauten sie sich auf mit zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug, und Paul, ihr Sänger, schwenkte die Trompete.

"Wir sind Denmantau und spielen Mariachi Alternative Rock." Mehr Erklärung brauchte es nicht. Bis auf die Straße stauten sich die Schaulustigen, Taxis hupten, diese Rhythmen, diese Lautstärke! Dann kam ein Streifenwagen, drei Beamte schoben sich durch die Menge, von Unmut begrüßt: "Ey, lasst sie doch! Ey, die Bullerei, so blöd, ey!"

Denmantau reagierten routiniert. Sie maulten nicht, sie teilten sich auf. Während die einen im Flimmern der Leuchtreklamen ihre Ausweise vorzeigten, sammelten die anderen beim Publikum schnell noch das Geld ein. Siebzig Euro. Frühstück gesichert.

Die Fünf hatten Ausstrahlung und ein Konzept: Straßenmusik würde ihren Broterwerb sichern, bis die große Karriere zündet. "Vom Bürgersteig auf die Bühne steigen", das war der Plan. Wochen später flogen sie nach Los Angeles. Wo sonst sollten sie den Durchbruch schaffen?

Sie stammen aus Bad Bevensen, hatten ihr Abitur gemacht, wollten nicht studieren, sondern leben, hausten zu fünft (Minimum) in ihrer WG in Wilhelmsburg zwischen Klamottenhaufen und ungespülten Gläsern. Man kann ja auch aus der Flasche trinken. Wenn sie Geld brauchten, und das brauchten sie immer, stellten sie sich auf die Straße und den Hut davor. Und dann: Amerika!

Jetzt, fünf Jahre später, sind sie wieder da, stehen an einer Straßenecke, nun am Schulterblatt. Julian, Jonas, Paul, Milan, Stefan – fünf kalifornisierte Jungs. Ihr Stil ist lässiger geworden, ihre Musik flüssiger, ihre Show pointierter. Und wieder stauen sich die Schaulustigen, hundert Leute, die Hälfte auf der Kreuzung. So ist es immer, wenn sie spielen, egal wo.

Paul, der halbnackte Frontmann, lässt zur Begrüßung ein paar Sätze auf Englisch fallen, gedacht auch als Beweis seiner Weltläufigkeit, aber mehr noch zur Welt gesprochen, in die Kamera des Smartphones hinein, das sie mit Klebeband an einem Laternenmast befestigt haben. Das Smartphone überträgt ihre Show live ins Netz. Jeden Auftritt streamen sie bei Facebook, und irgendwo da draußen – in Barmbek oder Bad Bevensen, in Kalifornien oder Brasilien – schauen jetzt welche zu. Wem es gefällt, was man da leicht verwaschen sieht und krisselig hört, der kann auf den Spenden-Button drücken.

Denmantau sind globalisierte Straßenmusiker auf Heimaturlaub. Von ihnen kann man nicht mehr sagen, sie seien "hier" in Hamburg oder "da" in L. A. Im Netz sind sie dauerpräsent, und wer ihren Livestream aus der Schanze vor der graffitiübersäten Fassade verpasst hat, kann ihn im Nachhinein anschauen. Mehr als 3.800 Fans haben das inzwischen getan.

Man kann während der Show zu Paul an den erwartungsfroh geöffneten Gitarrenkoffer treten (Geld bitte hier rein!) oder für zehn Euro eine ihrer vier CDs erwerben, oder man lädt sich ihre Stücke im Netz herunter. Paypal sichert den monetären Fluss über den Moment hinaus. So wird das Spontane und Unmittelbare ihres Auftretens – man kann sie beklatschen, knuffen, umarmen und küssen – ergänzt durch ihre virtuelle Allgegenwart.

Little Darling zählt zu ihren Hits. Bei YouTube gibt es ein erotisches, leicht pornöses Video dazu; auf der Straße haben sie den Song verschiedentlich für den einen oder anderen jungen Mann gespielt, der seiner Liebsten vor aller Augen einen Antrag machen wollte. Immer sei die Antwort Ja gewesen, berichten stolz Denmantau, nur einmal nicht, da sei die Auserkorene erschrocken weggelaufen.