Alina Oehler (26) ist katholische Theologin und Publizistin. Im Wechsel mit der Vikarin Hanna Jacobs schreibt sie, wie sie als junge Christin ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Wenn es um die eigenen Kinder geht, will niemand Fehler machen. Bekommen sie zu viel Aufmerksamkeit oder zu wenig? Zu viel Spielzeug oder zu wenig? Die goldene Mitte ist schwer zu treffen, so mein Eindruck – bisher von außen. Und es gibt einen Bereich, in dem es vielleicht noch schwieriger ist, das richtige Maß zu finden: die Religion. "Soll man den Kindern nicht die freie Wahl lassen, wenn sie alt genug sind?", fragte letztens eine Bekannte an einem lauen Münchner Sommerabend, als das Gespräch zur Taufe kam. Betretenes Schweigen am Biertisch.

Mich machte die Frage stutzig. So fragen kann man doch nur, wenn man selbst nicht von seinem Glauben überzeugt ist? Warum überlegt man dann noch, das Kind taufen zu lassen? Die Argumente sind pastoralen Ohren bestimmt vertraut, für mich waren sie neu: weil man alles richtig machen möchte und so "ein bisschen Religion" auch wichtig für die Entwicklung ist. Das Kind soll ja keine Nachteile haben, wenn in der Schule sonst die Mehrzahl der Kinder getauft ist. Und das Kind könnte die ganzen Jugendangebote verpassen. Auch in Literatur, Kunst, Musik versteht man manche Dinge nicht ohne christlichen Hintergrund.

"Die Taufe ist doch keine Eintrittskarte ins Kulturchristentum!", denke ich mit Erstaunen und Empörung. Dass die Taufe ein Sakrament ist und der Täufling jemanden braucht, der ihn anschließend im Glauben unterweist, scheint Nebensache zu sein. So ein bisschen Christsein gehört offenbar einfach dazu. In meinem Studium hat uns der Religionspädagoge gelehrt, zur Taufe zu raten. Man solle "Kinder nicht um Gott betrügen", sagte er. Kinder, die man nicht früh mit Religion in Kontakt bringe, würden später selten von sich aus religiös werden. Das leuchtet mir ein. Man kann sich schlecht gegen etwas entscheiden, was man nicht kennt.

Mir fällt es schwer, eine Religion light oder einen rein kulturellen Zugang zu akzeptieren. Doch vielleicht gibt die Frage "Taufen oder nicht taufen?" Aufschluss über ein verborgenes Gefühl in einigen Eltern: dass es mehr gibt, als wir sehen. Dass Transzendentes im Immanenten immer wieder aufscheint. Dass da jemand ist, den wir um Schutz bitten können. Den wollen Eltern für ihre Kinder. Und darum geht es bei der Taufe, aber eben um viel mehr: um das Seelenheil. Der Katechismus definiert Taufe als "Sakrament der Wiedergeburt durch das Wasser im Wort". Doch den anderen an meinem Biertisch fehlen diese soteriologischen Vokabeln.

Ich erzähle trotzdem weiter, dass das Seelenheil früher das einzig wichtige Taufargument gewesen sei. Eine Zeit lang stand die Abwaschung der Erbsünde (wieder ein Fremdwort) so im Mittelpunkt, dass die Taufe bis kurz vor den Tod hinausgezögert wurde, um sicherzugehen, dass der Täufling in den Himmel kommt. Damals glaubte man nicht an die Taufe als Eintrittskarte in eine christliche Erlebniswelt, sondern an ein sakramentales Upgrade in eine andere Wirklichkeit. Heute verstehen viele das nicht mehr. Auch der Biertisch schweigt weiter betroffen, und ich sage etwas verlegen: "Also schaden tut die Taufe sicher nicht."