Es ist wirklich nicht leicht, die Augen von Donald Trump abzuwenden. Auch für die Demokratische Partei nicht, die mit einer Mischung aus Horror und Hoffnung auf den Präsidenten starrt. Im November 2018 sind nämlich Kongresswahlen. Das dauert zwar noch eine Weile, doch hat der Wahlkampf im Grunde genommen schon begonnen. Denn die Kongresswahlen sind für die Demokraten die erste Gelegenheit, das Ergebnis der Präsidentenwahl zu korrigieren. Und sie sind davon überzeugt, dass Trump es ihnen mit seinem zunehmend verantwortungslosen Verhalten leicht machen wird, den Kongress zurückzugewinnen.

Bis dahin, so die Hoffnung, werde sich herausstellen, dass Trump die Präsidentschaft nur gewonnen habe, weil die Russen ihm geholfen haben, oder weil der ehemalige FBI-Chef James Comey kurz vor der Wahl die Untersuchung von Hillary Clintons E-Mails noch einmal aufgenommen hat. Es ist die Hoffnung, dass alles beim Alten bleiben kann und sich nichts ändern muss. Auch die Demokratische Partei nicht.

Keiner macht das deutlicher als Hillary Clinton. Am 12. September wird ihr Buch What Happened erscheinen, in dem sie sich mit der verlorenen Wahl auseinandersetzt. Laut den ersten Auszügen, die vorab veröffentlicht wurden, beschäftigt sie sich darin nicht mit der Frage, was die Partei aus dem Sieg Trumps lernen muss. Stattdessen beschreibt sie ausführlich, wie unangenehm es war, als Frau gegen Trump anzutreten. "Ich bekam Gänsehaut", so beschreibt sie die unbehagliche Situation während des TV-Duells: "Donald Trump lauerte hinter mir. Zwei Tage vorher hörte ihn die Welt darüber prahlen, wie er Frauen begrapscht hatte." Weiter heißt es: "Jetzt waren wir auf einer kleinen Bühne, und wo auch immer ich hinging, er folgte auf Schritt und Tritt, er starrte mich an, machte Grimassen. Es war unglaublich unangenehm." Clinton wählt für sich die Rolle des Opfers, das ist bequem, denn ein Opfer muss keine Verantwortung übernehmen. Und sie suggeriert ihrer Partei, sie könnte da weitermachen, wo sie, Clinton, aufgehört hat.

Doch das wird nicht reichen, selbst wenn Trump noch so sehr irrlichtert. Mindestens drei Fragen müssen die Demokraten sich stellen: Kann es sein, dass auch ihre liberale Wirtschaftspolitik (seit Bill Clinton) einen Grad an Ungleichheit erzeugt hat, der die Demokratie gefährdet und die Wahl Trumps erst möglich gemacht hat? Warum haben sie es verlernt, das ganze Land anzusprechen, statt nur einzelne Gruppen von Benachteiligten? Und wie konnte es passieren, dass weite Teile des Landes, in denen sie einst an der Macht waren, aufgegeben wurden?

Eine, die nicht einfach so weitermachen will wie bisher, ist die Kandidatin Renee Hoagenson. Sie sitzt an einem herrlichen Sommerabend in einem Gemeindesaal im ländlichen Missouri, in einer Hochburg der Republikaner, um sich bei einem Town-Hall-Meeting auf den Wahlkampf im nächsten Jahr vorzubereiten.

24 Abgeordnetensitze müssen die Demokraten von den Republikanern im November 2018 zurückerobern, um die Mehrheit im Kongress wiederzugewinnen. Aber wie man diesen Kampf gewinnen könnte, das sieht die Partei in Washington anders als Renee Hoagenson in Missouri.

Wenn die Strategen in der Washingtoner Parteizentrale auf die Excel-Datei mit den umkämpften Wahlbezirken schauen, dann verwandelt sich Renee Hoagensons Heimat in drei Zahlen: 7, 4, 36. Sieben Jahre ist der Wahlbezirk bereits fest in der Hand der Republikaner. In vier aufeinanderfolgenden Wahlen wurde dieselbe Republikanerin mit großer Mehrheit nach Washington geschickt. Und mit 36 Prozent Vorsprung vor Hillary Clinton hat Trump hier im letzten Herbst gewonnen. 7, 4, 36 – das gilt in Washington als hoffnungslos.

Lange haben die Demokraten geglaubt, die Globalisierung treibe ihnen Wähler zu

Renee Hoagenson will sich damit nicht abfinden. Fährt sie durch ihre Heimat, sieht sie grünes, saftiges Land und blaue Seen. Missouri ist nicht nur geografisch, sondern auch kulturell amerikanisches Herzland. Walt Disney wurde hier geboren, ebenso Mark Twain; die amerikanische Popkultur gäbe es nicht ohne St.-Louis-Blues und Kansas-City-Jazz.

Hoagenson sieht Familien, Freunde, aber auch zunehmend Geschäfte, die Hilfe brauchen, um sich mit ihren ein oder zwei Angestellten gegen die Übermacht von Walmart und Amazon zu behaupten. Sie sieht wütende Bürger vor dem Büro der republikanischen Abgeordneten, die für die Abschaffung von Obamacare und der staatliche finanzierten Essensmarken gestimmt hatte. Und dann denkt Hoagenson an die Zeit vor 2010 zurück: Seit der Großen Depression war ihr Wahlbezirk nahezu 75 Jahre lang fest in der Hand der Demokraten.