Wie hätten sich unsere Bundeskanzler, wie hätten sich Erhard und Schmidt, Kohl und Schröder zwischen 1919 und 1933 geschlagen? Ein reizvolles Gedankenspiel. Konrad Adenauer immerhin war 1926 ziemlich nahe dran an der Kanzlerschaft. Aber am Ende blieb der Zentrumsmann Oberbürgermeister in Köln und zog nicht wie sein rheinischer Amtskollege, Essens Oberbürgermeister Hans Luther, in die Berliner Wilhelmstraße.

Zu Adenauers späterem Glück. Denn als Altkanzler der Weimarer Republik wäre ihm eine politische Karriere in der Bundesrepublik verwehrt gewesen. Zu kontaminiert waren die Regierungschefs jener Jahre, verantwortlich gemacht für einfach alles: das lastende Trauma der Niederlage im Weltkrieg wie die wirtschaftlichen Nöte wie die politische Unruhe, die "Bürgerkriegsstimmung" der Zeit. Und vor allem: für den Aufstieg Hitlers. So sehr the Weimar years mit ihren Malern, Musikern, Dichtern, ihren Wissenschaftlern und Sozialreformern heute international als Deutschlands zweites Goldenes Zeitalter, als Moment der Welt-Avantgarde gefeiert werden, so verpönt sind die führenden Politiker der Republik, allen voran ihre Kanzler. Es scheint fast, als wirkte der Hass der Nazis und der anderen konservativen Revolutionäre auf die "Systemzeit" immer noch nach.

Die meisten Kanzlernamen und -schicksale sind vergessen. Es gibt kein Haus der Erinnerung, kein eigenes Archiv, das sich ihrer persönlichen Nachlässe angenommen hat. Als der Historiker Bernd Braun von der Ebert-Gedenkstätte in Heidelberg vor einigen Jahren für seinen prachtvollen Foto-Band Die Weimarer Reichskanzler recherchierte, musste er oftmals bei null anfangen. Viele Lebensspuren sind verwischt, politische Selbstzeugnisse verloren. Man hielt es für nicht der Mühe wert, sie aufzubewahren. Im Falle Hans Luthers drohte 2002 sogar das letzte Gedächtnismal zu verschwinden: Sein Grab in Düsseldorf sollte eingeebnet werden. Offenbar kannte niemand mehr die Geschichte, die sich hinter dem Namenszug auf dem Stein verbarg.

Zehn Kanzler zählte Weimar, nimmt man einmal die beiden letzten, Franz von Papen und Kurt von Schleicher, aus, die sich 1932/33 die Abwicklung der Republik zum Ziel gesetzt hatten. Am 30. Januar 1933 trat dann der erste Reichskanzler des neuen Deutschlands an, und im Mai flogen nicht nur die Bücher von Brecht, Freud und Stefan Zweig, da flog unter dem Gejohle der akademischen Elite auch die Weimarer Verfassung ins Feuer der Scheiterhaufen.

Nur wenige Gestalten blieben präsent. Dazu gehört der Nationalliberale Gustav Stresemann, allerdings mehr gerühmt als Außenminister (Friedensnobelpreis!) denn als Kanzler. Auch Philipp Scheidemann von der SPD, der 1918 die Republik ausrief; er amtierte noch als "Reichsministerpräsident". Und der Zentrumsmann Heinrich Brüning, der, im tiefsten Herzen Monarchist, zu Beginn der dreißiger Jahre mit Notverordnungen den Weg aus der Krise erzwingen wollte.

Gustav Bauer aber? Constantin Fehrenbach? Joseph Wirth? Wilhelm Marx? Wilhelm Cuno? Hermann Müller? Nie gehört. Zu Recht? Zu Recht verdammt und verweht?

Ihre Regierungszeiten währten meist nur kurz. Macht und Möglichkeiten waren qua Verfassung enger beschränkt als die eines Kanzlers heute. Oft agierten die Kabinette ohne parlamentarische Mehrheit, allein mit Notverordnungen und präsidialer Rückendeckung. Denn über allem thronte der Reichspräsident, anders als unser ornamentaler Buprä mit erheblicher Macht ausgestattet, ein direkt gewählter Volkesfürst. Seit 1925, nach dem Tod des ersten Präsidenten Friedrich Ebert von der SPD, hieß dieser Ersatzmonarch Paul von Hindenburg: ein preußischer Berufssoldat, der das kaiserliche, durch und durch antidemokratische Stiefel-Deutschland verkörperte und seinen Teil dazu beitrug, die Republik zu zerstören.

Eine Demokratie ohne Demokraten wird Weimar gern genannt. Aber stimmt das, so in Bausch und Bogen? Gewiss trieb das Bürgertum immer ungehemmter nach rechts, kannten weite Kreise der Wirtschaft bei allem technischen Fortschrittsglauben politisch nur einen Weg: den Weg zurück ins 19. Jahrhundert. Und gewiss setzten die Radikalen zu beiden Seiten des Spektrums, kommunistische wie völkische Front, auf den Bürgerkrieg. Trotzdem blieb die SPD bis 1932 die stärkste deutsche Partei, bekannten sich, wenn auch mit schwindender Kraft, das katholische Zentrum und der verbliebene Kern der linken Liberalen zur Republik.

Alles bloß Vernunftrepublikaner an der Spitze eines ungeliebten Staates? Auf Stresemann mag das zutreffen, auf Brüning oder Cuno. Die SPD-Kanzler indes waren entschiedene Demokraten. Ebenso der Zentrumsmann Joseph Wirth. Naturwissenschaftler wie unsere verehrte Frau Bundeskanzlerin, war er, als er 1921 sein Amt antrat, mit 41 Jahren der bis heute jüngste deutsche Kanzler. Und, im Gegensatz zu Angela Merkel, ein brillanter Redner. Leidenschaftlich stritt er gegen die antisemitische Rechte. Gemeinsam mit seinem Außenminister Walther Rathenau gelang es ihm 1922 auf der Konferenz von Genua, Deutschland gleichberechtigt in den Kreis der Großmächte zurückzuführen; in Rapallo unterschrieb Rathenau das Abkommen mit der jungen Sowjetunion. 1933 ins Exil getrieben, versuchte Joseph Wirth nach 1945 in die Politik zurückzukehren. Doch für seine friedenspolitischen, gesamtdeutschen Visionen gab es kein Verständnis in einer Bundesrepublik, die sich als Frontstaat des Kalten Krieges begriff.

Anderthalb Jahre hielt sich Wirth im Amt. Das war für Weimar eine lange Zeit. Nicht zuletzt der außenpolitische Druck – die französische Besetzung des Rheinlands, die umstrittene Ostgrenze, der Kampf um die verlangten Reparationen – ließ die Regierungen in Berlin immer wieder scheitern. Dennoch gelang es in zähem Ringen, sich einem internationalen Ausgleich zu nähern. So hielt 1928 der SPD-Kanzler Hermann Müller vor dem Völkerbund in Genf eine bewegende Rede, in deren später Folge das Rheinland geräumt und ein neuer Vertrag über die Reparationen beschlossen wurde.

Pragmatisch versuchten die fragilen Regierungen, Deutschland auch durch die monströsen Wirtschaftskrisen zu steuern. Als die Inflation übermächtig wurde, riskierte Hans Luther 1923 (damals noch Finanzminister im Kabinett Stresemann) den Währungsschnitt. Er setzte alles auf die Rentenmark (1 Billion Papiermark = 1 Rentenmark) – und gewann. Für einige Jahre konnte sich die Wirtschaft stabilisieren.

Schicksalsschläge ließen sich nicht abwenden. Es gab sie reichlich. Hermann Müller starb früh, 1931, 55 Jahre alt, wie Stresemann, 1929, 51 Jahre alt, wie Reichspräsident Ebert, 1925, 54 Jahre alt. Andere Leitpolitiker der Republik wurden ermordet, unter ihnen Matthias Erzberger und Rathenau. "Da steht der Feind", rief Joseph Wirth nach Rathenaus Tod 1922 im Reichstag aus, "der Feind steht rechts!" Und gegen diesen Feind hatten Weimars Kanzler keine Chance. Denn ihm trat der mächtigste aller Alliierten zur Seite: die menschliche Dummheit. Wenn am Nationalsozialismus überhaupt etwas imponiere, rief 1932 im Reichstag der Abgeordnete (und spätere SPD-Chef) Kurt Schumacher aus, dann die Tatsache, "daß ihm zum ersten Mal in der deutschen Politik die restlose Mobilisierung der menschlichen Dummheit gelungen" sei.

"Geschichtsschreibung über Weimar", bemerkt der Berliner Historiker Heinrich August Winkler 1993 in seiner großen Monografie zum Thema, bedeute "immer auch Trauerarbeit". Wohl wahr. Aber darüber darf der Respekt nicht verloren gehen für jene, die damals bis zur Lebenserschöpfung für die Republik stritten. Ihre Irrtümer zur Lehre, ihre Leistungen in Ehren: Ohne die Geschichte der Weimarer Kanzler ist die Geschichte der Bundeskanzler nicht zu erzählen. Und wer wollte behaupten, die heutigen hätten es unter den damaligen Umständen und Bedingungen besser gemacht? Oder auch nur so gut wie jene?