Denkbar eindimensional ist die Vorstellung, die sich von der Völkerschar der Wikinger verfestigt hat. Als trinkfreudiger maritimer Mob, nautisch überlegen, aber zivilisatorisch unterbelichtet: So gehören die wüsten Wilden zur europäischen Ahnengalerie, seit sie brachial aus dem skandinavischen Off erschienen waren. Im Jahr 793 hatten beutehungrige Drachenbootfahrer das Kloster Lindisfarne im Nordosten Englands überfallen und damit eine knapp 200 Jahre dauernde Phase der Furcht in Europa eingeläutet, die Wikingerzeit. Bis heute hält sich, bei aller Differenzierung durch moderne Historiker, das Bild vom Wikinger als brandschatzendem Grobmotoriker.

Nun berichten englische und dänische Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Antiquity von einem bemerkenswerten Zeugnis der Vergangenheit. Südlich von Kopenhagen unweit der Bucht von Køge liegt eine Ringfestung verborgen. Sie ist der erste Fund dieser Art seit mehr als sechs Jahrzehnten archäologischer Suche, und sie befindet sich auf mindestens drei Ebenen im Widerspruch zu den gängigen Wikinger-Klischees:

  • Erstens, die Geometrie. Die Archäologen um Søren Michael Sindbæk von der Universität Aarhus berichten von einer "nahezu perfekt kreisförmigen Struktur". Schon diese geometrische Akkuratesse passt nicht ins Bild von den gehörnten Grobianen. Erst recht nicht die Dimensionen der Feste. Ein zehn Meter breiter Wall muss diesen Riesenring gebildet haben, dessen Innendurchmesser 120 Meter betragen hat.
  • Zweitens, die Verteilung. Der neue Fund unter einem Acker, dessen frühneuzeitlicher Flurname passenderweise "Borgring" lautet, schließt eine Lücke. Denn von den dreißiger bis in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts waren in Dänemark und Südschweden mehrere vergleichbare Strukturen gefunden worden, sogenannte Ringfestungen des Typs Trelleborg.

Diese gaben den Fachleuten Rätsel auf: Sie sahen sich überraschend ähnlich, waren aber extrem weit verstreut. Besonders im südöstlichen Seeland, das historisch zu den fruchtbarsten und am dichtesten besiedelten Gegenden Dänemarks zählt, fehlte ein solches Bauwerk. Der Ringwall von Køge ergänzt nun das Muster der bereits bekannten Festungen. Außerdem gemahnt er, dass weitere Festen bislang übersehen worden sein könnten. Denn Sindbæk und seine Kollegen haben ihren Fund nicht etwa mit Hacke und Pinsel gemacht, sondern mit dem Höhenradar. Präzise von oben vermessen, gab der Acker Formen preis, welche an der Oberfläche längst nicht mehr ins Auge springen.

  • Drittens, das System. Die bisher bekannten Ringfestungen müssen alle binnen weniger Jahre kurz vor der Jahrtausendwende entstanden sein, unter der Herrschaft des Königs Harald Blauzahn. Er ist als Vereiniger der Wikingerstämme und -sippen bekannt (und lebt in der Bezeichnung des Datenübertragungsstandards Bluetooth fort). Wie strukturiert man sich das Wikingerreich auf dänischem Boden aber vorstellen darf, ist unklar. Eine weit verteilte Zahl praktisch identischer Verteidigungsbauwerke deutet eher auf mehr Staat hin. "Die Verteilung der Festungen über das mittelalterliche Dänemark zeigt, dass eine zentrale Organisationsmacht existiert haben muss", schreiben die Forscher.

Die wüsten Wikinger als geschickte Geometriker, Bauleiter und Strategen: Etwas Verborgenes lässt hier lange gepflegte Vorstellungen plötzlich in einem anderen Licht erscheinen. Darauf ein Horn voller Met!