Ein paar Tage nachdem Donald Trump zum Präsidenten unseres Landes gewählt worden war, kehrte ich auf den Campus der Stanford University in Nordkalifornien zurück. Mein Arbeits- und Wohnort schien durch die Wahl in eine eigenartige Schockstarre verfallen zu sein. "Eigenartig", weil einerseits fast jeder der Campus-Bewohner darüber klagte, ein Trauma erlitten zu haben, andererseits aber das Gefühl nicht verschwinden wollte, dass die wenigsten wirklich meinten, was sie sagten. Tag für Tag marschierte eine abnehmende Zahl angeblich revolutionär gesinnter Studenten über den Campus und versuchte sich mit einem berühmten Sprechchor in spanischer Sprache einzureden, "das vereinigte Volk wird niemals besiegt werden". Ganz so als hätte nicht gerade das "Volk" Trump zum Sieg verholfen. Mittlerweile trafen sich viele meiner Kollegen in der überkonfessionellen Universitätskapelle, um einander feierlich zu versichern, dass sie ihre jeweilige ethnische Zugehörigkeit niemals zum Anlass für Beleidigungen oder Repressionen missbrauchen würden.

Es war, als hätte ein unsichtbarer Ku-Klux-Klan das Universitätsgelände besetzt und damit solche Formen der Verteidigung notwendig gemacht. Dass Donald Trump drei Monate später die staatliche Förderung der Geisteswissenschaften strich, ließ Protest und Pathos noch einmal aufleben. Seither ist die übliche intensive Ruhe eingekehrt, die mir nach 30 Jahren in Stanford so vertraut ist. Einige Gründe dafür sind schnell genannt. Zum einen macht die staatliche Förderung der Geisteswissenschaften nur das Minimum des finanziellen Gesamtvolumens aus, mit dem sie in den Vereinigten Staaten unterstützt werden. Zweitens lernten wir bald, dass den hektischen Gesten des neuen Präsidenten kaum je langfristige Strategien folgten und dass das akademische Lebens mangels Interesses wohl gar nicht zu den Zielscheiben seiner Aggression gehörte. Hinzu kommen der ausgeprägte amerikanische Föderalismus und die begrenzten bildungspolitischen Einflussmöglichkeiten Washingtons.

So kehrte bald auch die Gewissheit zurück, dass selbst ein schlecht gelauntes Weißes Haus den privaten Universitäten, vor allem denen der Westküste, wenig anhaben kann. Die anfängliche Schockstarre wich einer verhaltenen Stimmung. Nun gehört es allerdings zu den Reflexen der akademischen Welt in Europa, solch krisenhafte amerikanische Momente, wo politische oder wirtschaftliche Umwälzungen die Fundamente der Universitäten zu bedrohen scheinen, sehr ernst und pessimistisch auszulegen. Die amerikanischen Institute werden dann als eine Art radikal-liberale Phalanx gegen die Trump-Administration begriffen. Problematisch ist dabei schon die Unterstellung, es gebe so etwas wie ein den europäischen akademischen Strukturen vergleichbares amerikanisches Universitätssystem.

Die Realität ist weit komplexer. Auf der einen Seite sind – mit wachsender Tendenz – etwa dreißig der weltweit besten fünfzig Hochschulen amerikanisch, auf der anderen Seite nähmen die Vereinigten Staaten wohl eine ganz ähnliche Führungsrolle ein, wenn es je zu einem Ranking der international schlechtesten akademischen Institutionen käme. Blickt man auf die leistungsfähigsten Hochschulen der USA, so sind selbst unter ihnen die strukturellen Gemeinsamkeiten und geteilten Entwicklungstendenzen minimal. Zum übergreifenden Selbstverständnis gehört es vielmehr, gerade lokal und historisch individuelle Merkmale auszubauen, statt sie innerhalb eines Systems zu neutralisieren. Harvard ist nicht Stanford ist nicht Princeton ist nicht Yale.

Wer also von unseren besten Universitäten lernen will, wie sie sich gegen Krisen immunisieren, muss den Begriff von einem nationalen Universitätssystem aus dem Gedächtnis streichen. Was aber sind die Charakteristika der großen amerikanischen Hochschulen? Und welche geteilten Tendenzen und strukturellen Gemeinsamkeiten haben sie trotz ihrer grundlegenden Divergenz? Dies sind Fragen, deren Antwort nur näherkommt, wer sich auf diese Divergenz einlässt und den Orten begegnen will, die von unseren besten Universitäten geprägt werden. Eine Reise in diesem Vorzeichen könnte nirgend anders beginnen als an der mit Abstand ältesten und berühmtesten amerikanischen Universität, dem 1636 gegründeten Harvard.

Der Weg vom Bostoner Logan Airport dorthin führt durch wohlhabende und in keiner Hinsicht inspirierende Vorstädte. Cambridge dann, Harvards Stadt an der Peripherie von Boston, erinnert mit seinen über das Zentrum verteilten Instituten und seinem diskreten Postkartentourismus an klassische europäische Universitätsstädte wie Salamanca, Heidelberg oder Bologna – ist aber noch homogener. Die Gebäude im traditionell roten Backstein der Ostküste oder das Harvard Green, wo jedes Studienjahr die Verleihung der Diplome stattfindet, wirken so emblematisch und singulär wie das Weiße Haus. Da Harvards Identität darin liegt, die "Universität an sich" zu sein, liefe es auf einen Widerspruch hinaus, Studenten hier mit institutioneller Freundlichkeit zu begegnen. Sie wissen vom ersten Tag an, dass ihre Lehrveranstaltungen eine intellektuelle Herausforderung sein werden und Schritt für Schritt ein Weg zum Leben in der nationalen Elite. Sichtbarer als irgendeine vergleichbare Hochschule erfüllt Harvard bis heute diese Funktion.

Keine andere Universität brachte auch Repräsentanten der nationalen Minderheiten so früh in Führungspositionen wie Harvard, weil hier länger als irgendwo anders die Qualität des Denkens als einzige Grundlage für individuellen Status fungiert hat. Zu den prominenten Professoren gehört heute Henry Louis Gates, der die African American Studies von einem politischen Postulat der sechziger Jahre zu einem faszinierenden akademischen Fach entwickelt hat und heute mit bewunderter Kompetenz (und manchmal auch gekonnter Selbstironie) die Kultur seiner Herkunft verkörpert. Das Harvard Humanities Center wird als geisteswissenschaftliches Zentrum von Gates’ Freund Homi Bhabha geleitet, einem kosmopolitisch gebildeten Literaturwissenschaftler aus einer prominenten indischen Parsen-Familie, der die Tradition des Commonwealth präsent macht, Spenden von asiatischen Oligarchen eingeworben hat und so die diskrete Eleganz von Harvard um eine östliche Nuance erweitert hat.