Wolf Biermann: In diesem mächtigen Sessel, in dem ich sehr selten fläze, thronte immer Robert Havemann und erzählte Geschichten aus seinem wahnwitzigen Leben. Havemann war ein alter Kommunist, der chronisch von sich entzückt war. Er rasierte sich morgens vorm Spiegel und beglückwünschte die Menschheit dazu, dass es ihn gibt.

Das Interview könnte nicht schneller beginnen. Wolf Biermann hat uns gerade in seine Hamburger Wohnung gelassen, da fällt der Blick auf eine Sitzecke, drei alte Sessel, einen Eichentisch. Die Sitzecke stand so schon in seiner berühmten Wohnung in der Berliner Chausseestraße. Biermann setzt sich und legt los. Robert Havemann war ein Chemieprofessor, der zweimal in die Fänge einer deutschen Diktatur geriet. Die Nazis verurteilten ihn zum Tode, in der DDR stand er für den Rest seines Lebens unter Hausarrest. Es wird ein Muster dieses Gesprächs: Biermanns Geschichten beginnen tief in der Vergangenheit und enden ziemlich brutal im Jetzt.

DIE ZEIT: Kann man eine solche Selbstbegeisterung lernen?

Biermann: Nein. Ich habe es versucht. Bei Havemann hatte es viel mit seinen romanhaften Lebensbrüchen zu tun. Er erzählte uns Jungen gelegentlich, wie er und sein Freund Großcurth, ein Arzt, nach dem Todesurteil 1944 in zwei nebeneinanderliegenden Zellen saßen und sich mit den Fingerknochen Sätze zumorsten. Großcurth klopfte: Du mit deinem Scheißoptimismus. Du glaubst sicher, wenn wir zur Guillotine geführt werden, fällt eine Bombe der Alliierten auf das Zuchthaus Brandenburg. Alle fallen tot um. Aber du schlägst dir den Staub von den Klamotten und spazierst nach Berlin. Das Irre war, so ähnlich kam es. Aber nur für Havemann. Großcurth wurde hingerichtet.

ZEIT: Sind Sie selbst ein Optimist?

Biermann: Ich nie. Antonio Gramsci, der italienische Philosoph und Kommunist, der kurz nach der Haftentlassung 1937 in Italien starb, schrieb: Ich bin für den Pessimismus der Intelligenz und für den Optimismus der Tat. Das war und bleibt mein Lebensmotto.

ZEIT: Herr Biermann, Sie sind in Hamburg geboren und verbrachten dort Ihre Kindheit. Seit Ihrer Ausbürgerung aus der DDR 1976 leben Sie wieder in Hamburg. Aber Sie scheinen geradezu imprägniert zu sein gegen all das, was man mit Hamburg in Verbindung bringt. Das Adrette, das Edle, das Hanseatische: Das soll Ihre Stadt sein?

Biermann: Sie hat viele Seiten. Mein Hamburg hat wenig mit Eppendorf zu tun, nichts mit Blankenese. Ich bin im Industrieviertel am Hafen aufgewachsen, in Hammerbrook. Da duftete der Gestank aus faulem Fisch und Teer und Modder aus den Kanälen. Mein Kinderzimmer, in dem ich aufwuchs in der Schwabenstraße 50a, hing über den öligen Wassern. Qualmende Schlepper fuhren unter meinem Fenster vorbei.

ZEIT: Ihr Hamburg ist ein Ort der Erinnerung.

Biermann: Ich hatte in der DDR in all den Jahren nie Sehnsucht nach dem Westen, nicht ein einziges Mal. Aber immer Sehnsucht nach Hamburg. Die DDR war mein vernünftiges Vaterland, Hamburg meine liebe Vaterstadt. In Ost-Berlin mutierte ich im Laufe der Jahre automatisch zu einem echten Berliner. Aber wenn ich mal wütend wurde, kamen die Kiemen hinter meinen Ohren wieder zur Erscheinung. Ich wurde ein Fischkopf und schimpfte auf Norddeutsch. Wenn ich sentimental wurde, sang ich mir ein plattdeutsches Lied: "Ick wull, wi weern noch kleen, Jehann ..."

ZEIT: Gab es in dieser Hamburger Welt eine Figur, die Sie besonders geprägt hat?

Biermann: Mein Onkel Kalli, der Bruder meiner Mutter. Er war Ewerführer, das waren die Hafenarbeiter, die die Hamburger Schuten mit langen Stak-Stangen durch den Hafen bugsieren. Dort ist er später von einem Kran zerquetscht worden. Für mich war er so wichtig, weil er kurz nach dem Krieg einen Sack Lucky-Strike-Zigaretten klaute im Freihafen. Das Kunststück: Er schaffte es, die Beute durch den Zoll zu schmuggeln. In der Nachkriegszeit waren diese Zigaretten mehr wert als jedes Geld. Und was macht dieser Prolet nach dem Krieg, wo alle nur Hunger haben, nach Fressen, Saufen, nach Weiber-Leiber-Zeitvertreiber? Er kauft dem kleinen Sohn seines ermordeten Schwagers ein Klavier! Das ist die größte kulturelle Heldentat, die ich mir im Nachkriegsdeutschland überhaupt vorstellen kann.

ZEIT: Wenn er das nicht gemacht hätte ...

Biermann: Tja, dann würden wir jetzt nicht an diesem Tisch sitzen, denn mit dem primitiven Drei-Harmonien-Schrumm-Schrumm, wäre ich nicht der Liederdichter Biermann geworden. Ich sitze übrigens selten an diesem Tisch. Drüben im Wohnzimmer ist es viel schöner. Aber jetzt ist es passend, aus diesen ostalgischen Gründen ...

ZEIT: Ein Hamburger kann auch Ostalgie haben?

Biermann: Gewiss. Es gibt ein Lied von Eisler, schön kurz. Und es sagt im Grunde alles, worüber wir jetzt sprechen. (singt) "Wie könnten wir je vergessen das Land / darin wir unsere Besten gelassen / das Land das uns alle vereinigt fand / im Kämpfen, im Lieben und Hassen / Denn Länder, in denen man sorglos gelebt / verlässt man ohne Betrüben / Doch das Land, mit dem wir gehofft und gebebt / das werden wir ewig, ewig lieben". Hanns Eisler saß übrigens auch an diesem alten Tisch hier.

ZEIT: Wer saß noch auf diesen Stühlen, einst in der Chausseestraße?

Biermann:Margot Honecker. Ein einziges Mal, vor meinem Verbot 1965. Sie meinte es gut mit mir, sie wollte mich retten. Es verband unsere kommunistischen Familien die Erfahrungen vor und nach 1933. Margot wollte mich zurückreißen vom falschen Weg, sie wollte, dass ich ein DDR-Staatsdichter werde. Das misslang ihr vollkommen. Herbert Marcuse, der Philosoph, saß hier. Allen Ginsberg kam aus New York vorbei. Mein Kumpel Manfred Krug. Joan Baez, Grass, Böll, Wallraff, Huchel, Jurek Becker, Heiner Müller, Max Frisch, Uwe Johnson, Stefan Heym, Günter Kunert, die größte Dichterin der DDR Helga M. Novak, die kleine Sarah Kirsch, der rebellische Thomas Brasch, der Schweizer Franz Hohler, Maler wie Ronald Paris, Jazzer wie Baby Sommer. Es waren so viele.