Ja, was: Werden Bundestagswahlen noch im Osten entschieden? Es kann darauf nur eine Antwort geben, eine unbequeme Antwort für alle, die Wahlkämpfe planen müssen. Sie lautet: leider ja. Eine ganze Reihe von Erkenntnissen folgt daraus; eine verwirrender als die andere.

Erstens: So klar, wie manche denken, ist der Ausgang der Bundestagswahl nicht, und das liegt 2017 sicher an allem Möglichen, aber so sehr wie nie auch am Osten. Und da vor allem daran, dass dieser wilde, unberechenbare Osten darüber entscheidet, ob die AfD mit acht, zwölf oder gar 15 Prozent in den Bundestag einzieht, was einen gewaltigen Unterschied macht. Für die AfD, aber mehr noch für alle anderen.

Zweitens: Wenn man diese Wahl gewinnen will oder wenigstens etwas gewinnen will, muss man es also den Ostdeutschen recht machen.

Drittens: Den Ostdeutschen kann man es leider zurzeit überhaupt nicht recht machen.

Viertens: Wohl keiner anderen Partei nützt das wiederum so sehr wie der AfD, die gar nicht darauf angewiesen ist, es irgendjemandem recht zu machen.

Aber von vorn. Fragt man in diesen Tagen Landesgeneralsekretäre oder Parteigeschäftsführer, Direktkandidaten oder Fraktionschefs aus den neuen Ländern nach der Lage ihres Wahlkampfs, hört man, dass sie zwar wissen, wie sehr aus den Erlebnissen der vergangenen beiden Jahre von Eruption und Aufbruch im Osten etwas zu folgen hat. Aber was genau? Puh. Wahlkämpfer erzählen von einer eigenartigen Polarisierung: einerseits einem Ansturm von Leuten am Wahlstand, die am liebsten sofort in die Partei eintreten würden. Andererseits einem Ansturm von Leuten, die am liebsten sofort den Wahlstand eintreten würden. Damit muss man erst einmal umgehen.

"Politisch ist der Osten manchmal schizophren", sagt Jens Wittig, Landesgeschäftsführer der sächsischen SPD: "Auf der einen Seite kommen die Leute und sagen, die Politik sei Einheitsbrei, der für sie unerträglich sei. Auf der anderen Seite sagen sie, dass wir aufhören sollen, zu viel zu streiten. Die Leute wollen Unterschiede und sind harmoniebedürftig zugleich."

Michael Kretschmer, Generalsekretär der sächsischen CDU, hält das politische Interesse wiederum für so groß wie lange nicht mehr, einen derart politischen Wahlkampf habe er selten erlebt.

Diese Wahl fällt im Osten in eine verworrene Phase: Zweieinhalb Jahre nach der Hoch-Zeit von Pegida, drei Jahre nach den ersten großen Wahlerfolgen der AfD gibt es viele Widersprüche, Gleichzeitigkeiten, Absurditäten. Von außen betrachtet, wirkt der Osten kraftmeiernd, weil er überall mitmischt, im Guten wie im Schlechten; weil er im Zweifel brüllt. Von innen betrachtet, ist da so viel Diffuses, Unsicherheit und Selbstzweifel, dass man sagen muss: Dass diese Wahl wieder im Osten entschieden werden wird, ist tatsächlich nicht ausschließlich eine gute Nachricht – solange das Problem ist, dass niemand weiß, auf welche Weise eigentlich.

Man muss ja nur raus, auf die Marktplätze, wie es so schön heißt. Kurz vor der Wahl wird Angela Merkel in Annaberg-Buchholz, Apolda oder Bitterfeld bepöbelt, ein bestimmter Teil des Volkes rückt mit Trillerpfeifen und Sirenen an und macht ihr jeden Auftritt zum Missvergnügen. Martin Schulz bekommt zwar weniger von solchem unbequemen Besuch, aber immer noch genug. Und während man sich fragt, was noch kommen kann in diesem Landstrich, in diesem Wahlkampf, eröffnet Sachsen-Anhalts CDU auch noch ungeniert die Debatte, ob man mit der AfD koalieren darf, was bestimmt der AfD hilft, aber sehr wahrscheinlich nicht der Kanzlerin. In den Ostländern steigen die Umfragewerte der AfD ohnehin trotz (oder mit?) jeder neuen Provokation dieser Partei, die jetzt (siehe Gauland) nicht einmal mehr vor der Drohung haltmacht, Menschen zu "entsorgen".

In den meisten Ostländern steht die AfD bei um die 20 Prozent. Landet sie am Ende gar noch drüber? Oder doch drunter? Wer in Sachsen-Anhalt am 13. März 2016 im Landtag stand und erlebte, wie das 24-Prozent-Ergebnis für die AfD einrasselte, hält vieles nicht mehr für unmöglich.

Wie auch? Der Osten war schon immer volatil in seinen Wahlentscheidungen. So wacklig, so unprognostizierbar wie diesmal aber?