Die Ouvertüre: ein Satz aus drei Wörtern. "Alles war dunkel." Der nächste Satz: acht Wörter. Der dritte Satz umfasst schon vier Zeilen, und dann wird man von einem Sprachfluss ergriffen, der in einem einzigen Satz die ganze erste Seite herunter und hinüber auf die nächste Seite voranstrudelt, es ist die Beschreibung, ach was, die Evozierung eines nächtens sich im Regen dahinquälenden Endloszuges von Kavallerie. Zweiter Weltkrieg. Erschöpfte, schmerzende Männerkörper auf erschöpften, steifbeinigen Pferden. So beginnt dieses kleine Kunstwerk, eine Erzählung des Nobelpreisträgers Claude Simon (1913–2005), die in seiner eigenen Kriegserfahrung gründet und deren Lektüre zu den wundervollsten Leseerlebnissen dieses Jahres gehört.

Ein Text von gerade mal vierzig Seiten, wie eine Kapsel, in der ein Werk geborgen ist. Erschienen erstmals 1953. Verwegen und kunstfertig konstruiert, in einer Sprache, die in jedem Satz Überraschungen bereithält, so erzählt Simon in dieser Novelle von einer einzigartigen Begebenheit, dem Tod eines Pferdes. Im Rahmen des Kriegsschreckens ist der Tod eines Militärgauls natürlich Banalität. Simon erhebt es jedoch zu einem Geschehen, in dem sich die Sinnlosigkeit des Krieges verdichtet, scharf gestellt als Spiegelung im brechenden Augapfel des Tieres, das sich schon sanft nach innen wendet, abwendet, von uns, von allem. Was alles wäre? Eine Welt, die im Dunkel, im Regen, im Schrecken versinkt. Simon nennt es: "dieses olympische, kalte, gleichgültige Vorrücken der Geschichte".

Der vorrückende Tross der Reiter rahmt dieses Tieropfer. In äußerster Verdichtung der Erzählzeit spielt das Geschehen während eines Zwischenstopps auf einem Gehöft. Es ist ein Glücksfall, für Simon und seine Leser, dass die fabelhafte Eva Moldenhauer dieses Buch übersetzt hat, die hochdekorierte Übersetzerin von Émile Durkheim, Mircea Eliade, André Gorz, Claude Lévi-Strauss, Jean-Paul Sartre und vielen anderen und eben auch von Claude Simon, seit einem halben Jahrhundert übersetzt sie Simon, überarbeitet die Übersetzungen von Elmar Tophoven. Sie trifft die Modulation der poetisch schwingenden Sätze, den harten Reportage-Stil, gegen den sie geschnitten sind, wenn etwa das Interieur einer Stube gnadenlos ausgeleuchtet wird, sie hat den Ton dieser Dialoge zwischen dem Erzähler und seinem Freund Maurice, flapsig und verzweifelt, liebevoll und zynisch, angesiedelt irgendwo zwischen Shakespeares Szenen der komischen Erleichterung von Schrecken und Becketts sardonischem Witz.

Im Gedankenfluss des Erzählers verwebt sich die Perspektive eines Mannes, der seine Überlegungen an der Klassik geschult hat, mit der Erfahrung, wie robust doch die groben Bauernjungen sind, was sie zum idealen Kanonenfutter macht. Und immer wieder, in Aperçus, das Begehren nach einem weichen Körper, dem weißen Fleisch eines Bauernmädchens, es sind Fantasien einer Gegenwelt, die das Sterben der Kreatur, des Pferdes, kontrapunktisch begleiten. Claude Simon erlaubt seinem Erzähler oder sich diese Ausflucht nicht. Ein bewegendes, kostbares Buch.

Claude Simon: Das Pferd. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer; Nachwort von Mireille Calle-Gruber; Berenberg Verlag, Berlin 2017; 76 S., 22,– €