Karl Marx war der festen Überzeugung, Epochales im Gepäck zu haben, als er am 12. April 1867 mit dem Segelraddampfer John Bull von seiner Wahlheimat London nach Hamburg reiste, um seinem Verleger Otto Meißner das Manuskript zu übergeben. Sein Buch Das Kapital sei "das furchtbarste Geschoß, das den Bürgern noch an den Kopf geschleudert worden ist", schrieb er.

Eine Wirtschaftsform, die auf der Ausbeutung der Arbeiter basiert, müsse dem Untergang geweiht sein, glaubte Marx. Gleich im vierten Kapitel erklärt Das Kapital, wie diese Ausbeutung funktioniert: Auf dem Markt, so argumentiert der Denker, gibt es nur eine einzige Ware, deren Einsatz dem Kapitalisten mehr einbringt, als sie ihn kostet – die Ware Arbeitskraft.

Die sozialistische Bewegung, der Marx angehörte, war jung und im Aufbruch, und seine Analyse des kapitalistischen Produktionsprozesses sollte ihre theoretische Grundlage sein.

Nebenbei hoffte der studierte Rechtswissenschaftler, sich durch die Veröffentlichung finanziell zu sanieren. Um die Reise antreten zu können, musste ihm sein Freund und Förderer Friedrich Engels 45 Pfund schicken, mit denen er unter anderem einen Anzug aus dem Pfandhaus auslöste.

Wie aber gestaltet man eine Ausstellung über diesen Mann, dessen größtes Werk kein Gemälde ist oder eine Skulptur, sondern ein Buch?

Zunächst einmal mit einem Ballon in Gold. Der österreichische Künstler Hannes Langeder lässt ihn vor dem Eingang des Museums neun Meter hoch aufsteigen, einem berühmten Marx-Denkmal in Chemnitz nachempfunden.

"Wir haben die vierzig Tonnen Stein des Originals auf achtzig Kilogramm Ballon reduziert", erzählt Kurator Mario Bäumer vom Museum der Arbeit. "Deshalb soll das Kunstwerk auch 'Karl Marx light' heißen."

Marx light, darum geht es. Lange ist es her, dass sich Kommunisten komplexe Theoriegefechte lieferten um die richtige Interpretation des tendenziellen Falls der Profitrate oder ähnlich vertrackter ökonomischer Fragen. "Wir machen eine Ausstellung für die, die das Kapital nie gelesen haben", sagt Bäumer und verweist auf die Teil der Ausstellung, der "Begreifen" heißt. "1 Rock = 10 Pfd Tee = 40 Pfd Kaffee = 2 Unzen Gold = 1/2 Tonne Eisen" – um diese historische Rechnung konkret und stofflich darzustellen, braucht man wiederum Geld. Dank Spenden des Kaffee-Konzerns Darboven und eines Stahlwerks aus dem Ruhrgebiet ist das exzellent gelungen.

Aber begreift man die "Allgemeine Wertform", die Marx erklären wollte, auf diese Weise wirklich besser? Ach, am Ende muss man sich doch durch das Theoriewerk kämpfen. Auch dabei will die Ausstellung helfen: Mit einem Lesekreis, ganz wie in den Siebzigern, als die Kapital- Lektüre zur studentischen Biografie dazugehörte und die drei Bände in sozialdemokratischen Wohnzimmern noch einen zentralen Platz hatten.

Nicht zuletzt in dem von Helmut Schmidt: Als KPdSU-Generalsekretär Leonid Breschnjew 1978 zu Gast bei den Schmidts in Langenhorn war, platzierten ihn die Gastgeber auf das Sofa direkt unter die blauen "Marx/Engels-Werke" aus DDR-Produktion. Allgemeine Heiterkeit war das Ergebnis – so geht Entspannungspolitik. Schmidts Kapital-Ausgabe ist in der Ausstellung zu begutachten, mit wenigen Anmerkungen versehen. Noch spärlicher, das verrät Mario Bäumer, seien die Notizen, die Olaf Scholz in seiner Ausgabe hinterlassen habe. Hat Hamburgs amtierender Bürgermeister das Kapital überhaupt gelesen?

Sechs Exemplare des ersten Bandes hat Marx an Freunde, Genossen und Förderer verschickt. Eines dieser handsignierten Werke lässt sich ebenfalls am Ort studieren. Leihgeber ist ein Wiener Antiquariat, das einen speziellen Deal gemacht hat mit dem Museum. Die Ausgabe ist aus der Vitrine heraus verkäuflich. Es ist also jederzeit möglich, dass ein Käufer kommt und sie mitnimmt. Kostenpunkt: 1,5 Millionen Euro. Barzahlung ginge auch.

"Wir nehmen auch Geldkoffer an", sagt Mario Bäumer. So kapitalistisch ist es also mittlerweile um das Kapital bestellt.

"Das Kapital", Museum der Arbeit, bis 4. März 2018