Seine besten Freunde rieten ihm ab, dieses Buch zu schreiben. Er selbst, sagt er, war noch nie so nervös wie vor dessen Veröffentlichung: Er nahm darin die Ängste der Geringqualifizierten vor der Globalisierung ernst und sah im Rechtspopulismus, vor allem in den Niederlanden und Belgien, ein Ressentiment, das sich aus der "versprochenen, aber nie eingelösten Gleichheit" nährte. Den Akademikern mit ihren Masterdiplomen, auch den eigenen Freunden und sich selbst, hielt er vor, dass sie eine gefährliche Lücke in der demokratischen Repräsentation einfach hinnähmen, zu ihrem Vorteil als kosmopolitische Privilegierte: die Tatsache nämlich, dass fast nur Leute der eigenen diplomierten Klasse in den Parlamenten säßen und über die globalisierten Arbeitsmärkte entschieden. Der damals noch unbekannte Autor des Buchs erzählte von seinen Großeltern, die beide gänzlich unqualifiziert waren, doch immer wählen gingen, weil sie sich in den Volksparteien noch vertreten sahen: Und diese demokratische Grundvoraussetzung der Repräsentanz, dass sie alle vertritt, wollte er wiederhergestellt sehen.

Das war 2008. Unterdessen ist die Nervosität vor der Öffentlichkeit dahin, der belgische Historiker, Anthropologe und Schriftsteller David Van Reybrouck hat mit seinem mehrmals ausgezeichneten Werk Kongo (2013) einen Welterfolg erzielt; und im vergangenen Jahr hat er in seiner viel diskutierten Streitschrift Gegen Wahlen für eine politische Belebung der Demokratie durch das Losverfahren argumentiert. Der Mann ist selbst ein eingefleischter Demokrat, er gehört zu den Initiatoren des Bürgergipfels "G 1000", der mehr Mitsprache in Europa einfordert: nicht nur für die mit Diplom.

Nun aber ist Reybroucks hellsichtiges frühes Buch von 2008 über den Populismus nach fast zehn Jahren mit einem politisch aktuellen Vorwort für das deutsche Publikum auch hier zu lesen, punktgenau zur Bundestagswahl. Damit liegt zugleich eine kleine historisch vergleichende Populismus-Geschichte vor: Wie sehen die Argumente von damals heute aus, geschätzte zehn AfD-Wähler-Prozent später und nachdem, vorgestern erst, fast 34 Prozent der Franzosen noch in der Stichwahl für Le Pen als Präsidentin gestimmt haben?

Die Statistik stützt David Van Reybroucks Kernargument: 14 Prozent der Deutschen haben einen Hochschulabschluss, doch im Bundestag sind 80 Prozent der Parlamentarier diplomierte Akademiker. Die Hochschulreife haben knapp 30 Prozent. Mit Reybrouck darf man dies einen demokratischen Skandal nennen: Eine angemessene Repräsentation der Bevölkerung sähe anders aus. Und dennoch ist seine Diagnose, vom Spätsommer 2017 aus gesehen, zumindest schief: Denn die deutschen AfD-Wähler verdienen im Schnitt besser als die Gesamtbevölkerung, sie haben ein mittleres Bildungsniveau, und was sie kennzeichnet, ist das Paradox, selbst wohlsituiert zu sein und doch Angst vor dem Abgehängtwerden zu haben. Die Kluft zwischen den Diplomdemokraten und den Geringqualifizierten zu überwinden wäre das eine. Aber sich bloß abgehängt zu fühlen oder es wirklich zu sein: Das ist doch zweierlei.

David Van Reybrouck: Für einen anderen Populismus.  A. d. Niederländ. v. Arne Braun; Wallstein, Göttingen 2017; 84 S., 12,90 €