Schönheit und Langeweile können eine enge Verbindung eingehen, wofür manche Schauspieler, vor allem aber Schwäne, das beste Beispiel sind. Aus der Fernsicht, insbesondere von der Terrasse eines britischen Herrenhauses aus, kann so etwas blendend Helles, Langhalsiges mit gepflegt in Form gelegten Flügeln, das über einen schwarzen Wasserspiegel gleitet, natürlich sehr verlockend wirken. Die englischen Kupferstecher haben von diesem Effekt gelebt. Aber aus der Nähe, zumal bei längerem Zuschauen, reduziert sich das Unterhaltungsangebot rapide. Der Schwan ist einfach nur da; darüber hinaus bietet er nichts, abgesehen von seinem Talent zur gefälligen Drapierung ("er hat die Flügel schön").

Ganz anders die Ente. Die Ente, vor allem die weibliche, hat keineswegs immer die Flügel schön, wie ja auch die talentiertesten Schauspielerinnen nicht immer die Haare schön haben. Sie können auch ziemlich struppig aussehen. Die Ente muss sich darum oft neu zurechtplustern, schütteln, die Flügel ausbreiten und wieder zusammenlegen; das ist schon mal unterhaltender als die majestätische Ruhe des Schwans. Darüber hinaus guckt sie listig, frech, neugierig, schnabbelt kurz ins oder unter Wasser und leistet sich einen kleinen Zank, bevorzugt übrigens mit Schwänen.

Die körperliche Überlegenheit der Weißen ist so einer kleinen braunen Entendame natürlich bewusst, aber mal kurz hinzwicken, hinhassen oder einfach nur knapp vor die Brust schwimmen und eine Kursänderung erzwingen, das lässt sich schon machen, rein aus Übermut und Daffke, wie der Berliner sagt. Sind Enten im Herzen geborene Berliner, die sich über die angeberischen rheinischen Dickschiffe ärgern, die im Zuge des Hauptstadtumzugs an die Spree gekommen sind? Nach Jahrzehnten der aufmerksamen Park- und Teichbeobachtung bin ich zu dem Schluss gekommen: Schwäne gehen der Ente auf den Geist. Zwischen ihnen gibt es ein unüberwindliches mentales Hindernis, wahrscheinlich eine Intelligenzbarriere. Die schiere, durch keine Tüchtigkeit gedeckte Selbstgefälligkeit, der sozusagen habituelle, über Geschlechtergrenzen hinaus fixierte Machismo der Schwäne ist provozierend für die unruhige kleine Geistesarbeiterin, die seelisch weniger fett gepanzert ist. Die Ente sieht so viel, erwägt so viel, hat so viel zu verarbeiten, zu befragen und auf die Reihe zu bringen, dass es ihr manchmal die Fassung raubt, den großen dicken Anderen so unangefochten in sich ruhen zu sehen.

Der spanische Soziologe José Ortega y Gasset hat einmal einen Essay über diesen Anderen geschrieben, in seinem Konzept ist es der Normalbürger, der im Frieden mit sich und den Verhältnissen lebt. Sein Antagonist ist der Intellektuelle, der ständig irgendetwas infrage stellt. Das hat bei Ortega nichts mit Bildung zu tun, auch der Hochschulprofessor gehört meist zu den Anderen. Der Intellektuelle und der Andere (so der Titel) sind vielmehr seelische Gegensätze, das Lebensgefühl trennt sie. Selbst Ehen hält Ortega für unmöglich; der Intellektuelle könne zwar erotisch faszinieren, doch geheiratet werde immer nur der Andere, schon aus finanziellen Gründen. Damit enden allerdings die Parallelen zu Teich und Tümpel; schwer vorstellbar, dass ein Schwan sich von einer Ente erotisch angezogen fühlt. Aber könnte es umgekehrt sein? Und die Ente schwärmt heimlich vom Schwan, gerade wegen seiner Blödheit, so wie Thomas Manns intellektueller Tonio Kröger sich heimlich zu den dumpfen Blonden und Blauäugigen hingezogen fühlt? Das wäre dann die große Frage, die sich an der Wasserfront stellt: ob Thomas Mann oder Ortega y Gasset den besseren Schlüssel zum Verständnis von Schwan und Ente gefunden hat.

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