Soziale Gerechtigkeit, Steuern und Umverteilung spielten im TV-Duett von Martin Schulz und Angela Merkel am vergangenen Sonntag keine große Rolle. Bis zur 76. Minute. Da fragte RTL-Moderator Peter Kloeppel den SPD-Kanzlerkandidaten, wie viel mehr Geld eine vierköpfige Familie mit 3.500 Euro Einkommen monatlich in der Tasche hätte, wenn er Kanzler würde. Eine konkrete Frage, auf die Schulz – im Gegensatz zu Merkel – mit konkreten Zahlen antwortete: zwischen 200 und 250 Euro könne die Familie sparen, je nach Fallkonstellation. Eine enorme Summe. Stimmt diese Zahl? Wie viel finanzielle Hilfen können Familien tatsächlich von der SPD erwarten? Und ist das mehr als die CDU verspricht?

Das Beispiel mit 3.500 Euro ist gut gewählt, denn dieser Betrag entspricht etwa dem mittleren Bruttogehalt bei einem Vollzeitjob. Auch wenn viele Paare mehr Geld zur Verfügung haben, lässt sich an diesem Musterfall erkennen, was die Pläne der großen Parteien für Familien mit mittleren Einkommen bedeuten.

Die Sozialdemokraten versprechen Entlastung an vielen Stellen. Die bedeutendste und komplizierteste davon sind kostenlose Kita-Plätze. Außerdem erwähnte Martin Schulz in seiner Antwort den Zusatzbeitrag der Krankenkassen, der künftig wieder zur Hälfte vom Arbeitgeber getragen werden soll. Er nannte den Spitzensteuersatz, den die SPD erst ab höheren Einkommen erheben will, wodurch der Durchschnittssteuersatz sinke. Dann komme noch der Kinderbonus von 150 Euro pro Kind und Elternteil obendrauf, also 600 Euro in dem gewählten Beispiel. Und später fügte er noch an, dass sich die Eltern entscheiden könnten, statt des Ehegattensplittings künftig das neue Familiensplitting zu wählen. Das klang für den Zuschauer ziemlich verwirrend, signalisierte zugleich aber eine Fülle steuerlicher Erleichterungen.

Wie Martin Schulz die Entlastung berechnet hat, will die SPD nicht aufschlüsseln

Man kann wohl kaum erwarten, dass ein Spitzenpolitiker mal eben die Wirkung all dieser Maßnahmen für einen bestimmten Beispielfall überschlägt. Insofern war es überraschend, dass Martin Schulz nach einigem Hin und Her tatsächlich eine Größenordnung nannte. Die Kanzlerin blieb bei ihrer Antwort viel vager, wies allerdings auf die 50 Euro mehr Kindergeld hin, die diese Familie nach den Plänen der Union erhalten würde.

Wie der von Martin Schulz genannte Korridor von 200 bis 250 Euro sich genau zusammensetzt, war in der Sendung kaum nachzuvollziehen. Klar ist, dass der Kindergartenbeitrag individuell sehr verschieden sein kann. Aber auch die steuerlichen Entlastungen blieben diffus. Aufschlüsseln wollte die SPD sie Anfang der Woche auch auf Nachfrage nicht. Das sei alles sehr kompliziert, hieß es aus dem Büro von SPD-Finanzexperte Carsten Schneider, man könne leider nicht einfach auf einen Knopf drücken und für beliebige Fälle ein Ergebnis ausspucken. Die ZEIT hat deshalb andere Fachleute darum gebeten, zumindest die Entlastung bei den Steuern und Sozialabgaben durch die SPD-Pläne für dieses Beispiel durchzurechnen.

Dabei sind zwei Fälle zu unterscheiden: Das Paar kann weiter das heutige Ehegattensplitting nutzen oder den neuen Familientarif, den die SPD als Alternative anbieten will. Bleibt die Familie beim herkömmlichen Splitting ergibt sich nach Rechnung von Niklas Potrafke vom ifo Institut in München eine Ersparnis von rund 19 Euro im Monat. Das ist ziemlich wenig.