Den ganzen Sommer über haben Emmanuel Macron, sein Premierminister Édouard Philippe und die Arbeitsministerin Muriel Pénicaud diskutiert: mit Gewerkschaften, Unternehmerverbänden, Personalberatern, Wissenschaftlern. Herausgekommen sind 36 Maßnahmen zur Reform des Arbeitsrechts, die am vergangenen Donnerstag vorgestellt wurden. Am 22. September soll die Regierung sie als Verordnung beschließen. Das erklärte Ziel der Reform besteht darin, die Arbeitslosigkeit von derzeit 9,5 Prozent zu senken.

Sie soll dies erreichen, indem sie insbesondere kleineren und mittleren Unternehmen mehr Spielraum verschafft – und den Gewerkschaften manches nimmt. Das wäre eine tiefgreifende Veränderung, und für Macron ist es die vielleicht wichtigste Machtprobe. Seine beiden Vorgänger waren schon mit weniger ambitionierten Vorhaben gescheitert, sie hatten die Proteste im Land unterschätzt. Diesmal wollen zwei der fünf wichtigsten Gewerkschaften am 12. September streiken und demonstrieren. Für den 23. September ruft Jean-Luc Mélenchons linksradikale Partei Unbeugsames Frankreich zu einer Demonstration in Paris auf.

Bereits im Wahlkampf hatte Macron angekündigt, dieser Reform weitere folgen zu lassen: Arbeitslosenversicherung, Berufsausbildung, Renten. Auch deswegen ist seine jetzige, erste Sozialreform entscheidend für die kommenden Amtsjahre.

Wir haben mit Kritikern und Befürwortern der Reform, mit Begünstigten und Betroffenen gesprochen. Hier kommen sie zu Wort.

Henrik Enderlein, Berater Macrons und bekannter deutscher Ökonom

"Ich habe gemeinsam mit Jean Pisani-Ferry 2014 einen Bericht für Emmanuel Macron und Sigmar Gabriel, damals beide Wirtschaftsminister, verfasst zu den Themen Wachstum und Reformen. Schon damals fragte Macron oft danach: Wie ist das in Deutschland? Wie funktioniert die Mitbestimmung?

Aus meiner Sicht ist in Frankreich nicht die 35-Stunden-Woche das Problem. Ein Drittel der deutschen Arbeitnehmer arbeitet auch nicht mehr als 35 Stunden die Woche. Der Unterschied in der Regelarbeitszeit erklärt nicht die starken wirtschaftlichen Unterschiede zwischen unseren Ländern. Der Unterschied ist: In Deutschland sind die Arbeitszeitmodelle flexibler. Es geht doch um die Frage: Wie kann sich ein Unternehmen über die Arbeitszeit der Mitarbeiter an die Konjunkturlage anpassen? Hier setzt Macron an. Aber auch beim Kündigungsschutz gibt es Unterschiede. In Frankreich ist es sehr schwer für Unternehmen, sich von einer Person, auch wenn sie nicht mehr arbeitswillig ist, zu trennen. Der Arbeitnehmer hat nach der Kündigung aufgrund der rechtlichen Fristen oft die Möglichkeit, noch zwei Jahre lang im Unternehmen zu bleiben, gegen volle Bezahlung. Aus Deutschland wissen wir, dass Kündigungen bei angemessenen Abfindungen möglich sind. Das will Macron nun auch für Frankreich."