Er redet darüber, klar, warum auch nicht, er versteckt nichts. Er muss damit leben, ein Leben lang. Ich steh dazu, sagt er. Würde es nur um ihn gehen, dann würde hier auch sein Name stehen, sein wahrer, es geht aber nicht nur um ihn, daher hat er sich einen anderen ausgesucht: Adem. Es geht auch um Adems Frau, die ehemalige, die Tochter, den Sohn, ja, vor allem den Sohn.

Ich rede, sagt Adem, öffnet seine Faust, spreizt die Finger, Fingerkuppen auf der Tischplatte, und wenn ich davon rede, wenn ich daran denke, dann denke ich, hätte ich mir mal lieber die Hand abgehackt, sagt er, schweigt, und die Fingerkuppen schlagen auf den Tisch, immer schneller. Irgendwann verliert man die Kontrolle, dann verpasst man eine Ohrfeige, sagt er. Eine Ohrfeige, mit der Hand einfach, das war nicht von schlechten Eltern, die hat schon gescheppert.

Erschrakst du dabei über dich selbst, Adem?

Ach nee, ich hatte einfach so eine Wut im Bauch. Die musste raus.

Bevor es losging, habe er ja ermahnt, verbal: Tu es nicht, sagte ich, zweimal, dreimal, dann hat es geknallt. Erst eine Ohrfeige, dann zwei, dann dachte ich, Ohrfeigen allein tun ihm nicht genug weh, und Ohrfeigen tun mir ja auch weh, ich nahm den Hausschuh und schlug zu.

Dass er mal die Tochter geschlagen hat, daran kann er sich nicht erinnern. Sie sagte: Ja, ein Mal. Soll sie recht haben, vielleicht hab ich das gemacht, sagt Adem, warum, weiß ich nicht. Aber den Jungen, den hab ich verprügelt, ja, regelrecht verprügelt.

Welche Körperstelle?

Hände, Füße, Bauch, alles. Alles, was mir ..., sagt Adem und bricht den Satz ab, nun tut es mir natürlich widerlich weh. Aber ich hab das gemacht. Einmal mit dem Gürtel. Mit der Schnalle.

Wie lange?

Eine Minute locker, wenn nicht länger, ich weiß es nicht. Er war im Bett in der Ecke, konnte nicht flüchten, ich schlug zu. Meine Tochter saß am Rand, schaute zu und brüllte nur.

Was hat dich gestoppt?

Dass ich selbst müde geworden bin. Ich konnte nicht mehr, das war ja anstrengend, ich konnte nicht mehr, hätte ich gekonnt, ich hätte eine halbe Stunde, den ganzen Tag nur zuschlagen können. In dem Moment hätte ich ihn umbringen können. Er war ein armes Schwein, und ich war das Schwein, das schlug.

Adem sagt: Ich bin der Täter. Was ich für Gründe hatte, interessiert das Opfer nicht. Das Opfer, meinen Jungen, hab ich misshandelt. Man hätte mich auch in den Knast stecken können.

Adem, das Schwein, ordentlich gekleidet, Hemd, Pullover, sitzt beim Italiener, auf dem Tisch sein Handy, das er ab und an nimmt, seine Brille randlos.

Adem, das Schwein, geboren am Schwarzen Meer, 1960.

Sein Vater, sagt Adem, war so: Die Kinder umarmen? War ihm unangenehm, am Feiertag mal einen Handkuss, rechts, links, mehr nicht.

Seine Mutter, sagt Adem, war so: Hätte der Arzt gesagt, Ihr Kind ist krank, aber es wird gesund, wenn Sie aus dem Fenster im fünften Stock springen, sie hätte das gemacht. Es war eine unheimliche, übertriebene Liebe, grenzenlos, sie umarmte, sie küsste. Das gab es, und das andere gab es auch, es gab nur Extreme, Schwarz und Weiß, denn unzufrieden war sie, sie sagte immer: Ach, wär ich doch als Mann auf die Welt gekommen, dann hätte ich nicht so früh heiraten müssen, nicht so früh Kinder kriegen müssen, lernen können. Immer hat sie gehadert, Schicksal hier, Schicksal da, die Familie war schuld.

Dabei war er, Adem, ja so pflegeleicht, machte nichts, worüber sie sich beschweren konnte. Adem wusch seine Socken in der Spüle, damit sie nicht riechen, und die Mutter sagte: Adem ist so sauber. Sie war stolz, sagt Adem, und ich war stolz, weil sie mich lobte. Adem lügt nie, sagte sie. Adem sagt immer die Wahrheit, Adem ist fleißig und brav, immer brav.

Diese Sätze prägten mich, mehr als alles andere, sagt Adem.

Und so ruhig, dein kleiner Sohn, so süß, sagten die Frauen, die mit ihnen um den Tisch saßen, wenn sie bei jemandem zu Besuch waren. Und immer wenn Adem sich bewegte, bohrte die Mutter unter dem Tisch ihre Finger in Adems Oberschenkel, zog die Haut hoch und drehte sie um. Adem lehnte sich zurück, wie eine Mumie, keinen Schmerz zeigen, kein Aaaaah, kein Brüllen, nur freundlich lächeln, eine freundliche Mumie. So brav, dein Sohn, der Adem, der Adem ist immer brav.