Höchst ungerecht ist es ja, wie stark die deutsche Vergangenheit verblasst: Die Geschichte zwischen 1945 und 1990 zum Beispiel ist für viele Aktualitätsbesessene nur noch ein fernes Grundrauschen. Dabei entdeckt man in diesen Jahrzehnten Konflikte, welche die momentanen Diskussionen vergleichsweise harmonisch erscheinen lassen. Erstaunlich ist zum Beispiel, dass ein im Bücherregal in der hinteren Reihe verstaubender Literaturnobelpreisträger wie Heinrich Böll die Nation einst so erregen konnte. Im Dezember wäre er 100 Jahre alt geworden; im Herbst erscheinen erstmals die Kriegstagebücher 1943–1945 des Soldaten Böll im Zweiten Weltkrieg. Pünktlich zum Jubiläum kann man diesen Autor auch exzessiv hören: Eine großartige Edition präsentiert 27 Stunden O-Töne, unzählige Erzählungen und Romane, dazu lange Interviews, von den frühen fünfziger Jahren bis zu seinem Tod 1985. Die deutsche Literatur hat ihre Erfolgsgeschichte nicht zuletzt anderen Medien zu verdanken als dem Buch – das Radio trug entscheidend zur Popularisierung bei. Medienprofis waren sie alle, ob Grass, Walser, Enzensberger oder eben Böll.

Auch Siegfried Lenz war ursprünglich beim Funk; jetzt können wir ein intensives Gespräch zwischen ihm und Böll erleben, in dem sich die beiden Erfolgsautoren über das Schreiben unterhalten – Lenz der insistierende, präzise Analytiker, Böll der nachdenkliche, diffuse Verteidiger der Fantasie, der bekennt: "Lektüre kann sehr viel wichtiger sein als Erfahrung."

Die großen publizistischen Schlachten Bölls tauchen wieder auf: gegen die Springer-Presse, gegen die Intellektuellenhatz im "Deutschen Herbst" 1977. Sein Auftreten, das kann man hören, ist oft nicht sonderlich scharfsinnig, aber entfaltet eine eigentümliche Wahrhaftigkeit, die von vielen ja als moralistischer Biedersinn verspottet wurde. Das Gewissen war bei Böll tatsächlich eine zentrale Kategorie. Ein besonderes Dokument ist dabei seine Rede auf der legendären Demonstration gegen die Nachrüstung im Bonner Hofgarten 1982: rhetorisch schwach, nicht subtil, aber in ihrer Schlichtheit mit achtunggebietender Autorität. Wir hören den Hubschrauberlärm und die Geräusche der Demonstranten, die begeistert johlen und klatschen, als Böll sich gegen "überamerikanische Deutsche" wendet und Kanzler Schmidt für dessen Wort von den "zwielichtigen Gestalten", die demonstrieren würden, attackiert: Das sei gefährlich, weil jeder wisse, dass echte zwielichtige Gestalten hierzulande einst in höchste Ämter gekommen seien. Da taucht sie wieder auf, die dramatische Konstellation der alten Bundesrepublik: Böll und Schmidt, zwei Frontsoldaten der Wehrmacht, stehen sich 40 Jahre später beim Kampf um die Nachrüstung gegenüber.

Heinrich Böll: Hörwerke. Originalaufnahmen 1952–1985; Der Hörverlag, München 2017; 5 CDs, 27 Std., 39 Min., 69,99 €