Über die Kanzlerschaft von Helmut Schmidt hat sich längst das Bild seiner späteren Jahre gelegt, das Bild eines weisen Deuters der Weltläufte und der großen Fragen der Gegenwart. Als Kanzler war er acht Jahre im Amt, kürzer als Konrad Adenauer, Helmut Kohl und Angela Merkel. Aber länger als alle anderen, 33 Jahre, hat er diese Amtszeit überlebt, und nicht nur überlebt. Als Elder Statesman und Mitherausgeber der ZEIT hat er, an der Mentholzigarette saugend, vor allem außenpolitische Probleme, die Beziehungen zu Russland, China und den USA, oftmals klug und weitsichtig kommentiert.

Nach dem Ende seiner Kanzlerschaft 1982 schrieb er mehr als ein Dutzend Bücher und publizierte in der ZEIT annähernd 300 Artikel. Unzählige Interviews mündeten in Gesprächsbänden. Schmidt wurde weltweit mit Ehrungen überhäuft; etliche Biografen mühten sich bereits zu Lebzeiten um seine Vita. Und auch er selbst pflegte sein Andenken als Weltökonom und Staatenlenker in der Krise. Immerhin ein Drittel eines Jahrhunderts am eigenen Mythos mitweben zu können, das war nur diesem Kanzler vergönnt.

Er tat es mit durchschlagendem Erfolg: Je größer der zeitliche Abstand zu seiner Kanzlerschaft wurde, desto beliebter wurde Helmut Schmidt – eine Popularität, die viele auf die siebziger Jahre rückprojizieren. Zu Unrecht: Die nekrologische Überhöhung gilt es strikt zu unterscheiden von der Wahrnehmung seiner Person während seiner Kanzlerschaft. Der Schmidt vor 1974 interessiert – abgesehen vom legendären Einsatz als Innensenator bei der Hamburger Flutkatastrophe 1962 – vor allem die Historiker, obwohl diese Zeit immerhin eine politische Aktivität von mehr als einem Vierteljahrhundert umfasst. Man muss Schmidts Kanzlerschaft also als ein bereits recht fernes Phänomen erklären.

Helmut Schmidt war, als er 1974 Kanzler wurde, längst politischer Profi. Er gehörte der Partei seit 1945 an, war Funktionär des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes gewesen und seit 1953 Bundestagsabgeordneter. Nach dem kurzen Zwischenspiel als Hamburger Innensenator zählte er seit Mitte der sechziger Jahre zur engeren Parteiführung. Er hatte als Fraktionsführer die große Koalition – in vertrauensvoller Zusammenarbeit mit Rainer Barzel (CDU/CSU) – koordiniert und dem Kabinett von Willy Brandt als Verteidigungs- und als Finanzminister gedient. Als Diener der Partei allerdings wurde er nicht wahrgenommen. Und zu keinem Zeitpunkt konnte er den Danton der SPD, Willy Brandt, in seiner Rolle als Liebling der Partei ablösen.

Gemessen wurde er an ihm von Anfang an. Schon die Lebensgeschichten der beiden konnten unterschiedlicher kaum sein: hier der im skandinavischen Exil sozialisierte linke Remigrant, dort der nur fünf Jahre jüngere ehemalige Leutnant der Wehrmacht. Bis ins hohe Alter arbeitete sich auch Schmidt selbst an Willy Brandt ab.

Im umfangreichen Briefwechsel der beiden, der unter dem treffenden Titel Partner und Rivalen ediert worden ist, kann man nachlesen, wie wenig Schmidt von Brandts Verehrern auf dem linken Flügel hielt und wie unsympathisch ihm die wortradikalen Jusos waren, die immerhin ein Drittel der SPD-Mitglieder stellten. Unter ihnen waren die "Enkel" Willy Brandts wie Rudolf Scharping, Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder. Als "Enkel" von Schmidt, der ja nur wenige Jahre jünger war als Brandt, ließ sich damals niemand bezeichnen. Lafontaines Äußerung im stern vom Juli 1982, mit den Sekundärtugenden "Pflichtgefühl, Berechenbarkeit, Machbarkeit", auf die Schmidt poche, könne man auch ein KZ betreiben, markierte den Tiefpunkt der Fehde.

Von Brandt, der Parteivorsitzender geblieben war, forderte Schmidt ein ums andere Mal mehr Unterstützung im Kampf gegen die SPD-Linke. Jener mahnte wiederum, er solle doch Rücksicht auf die Seele der Partei nehmen – fürwahr eine "schwierige Freundschaft", wie der ZEIT-Journalist Gunter Hofmann in seinem Buch über die Beziehung der beiden schreibt. Die Rivalitäten in der SPD-Führungsspitze, der "Troika" aus dem Kanzler Schmidt, dem Parteivorsitzenden Brandt und dem Fraktionsvorsitzenden Herbert Wehner, wurden unterdessen weitgehend unter der Decke gehalten.

Umso mehr Aufmerksamkeit erhielt Erhard Eppler, Minister für Wirtschaftliche Zusammenarbeit, als er sich schon nach kurzer Zeit aus dem Schmidt-Kabinett verabschiedete, weil sein Etat für Entwicklungshilfe gekürzt werden sollte. Er wurde zum großen Mahner für eine ökologisch sensibilisierte Sozialdemokratie. Ein Thema, für das Schmidt wenig Verständnis zeigte.

Seine größten Fürsprecher fand Schmidt nicht in der eigenen Partei, sondern in der ihm wohlgesinnten Medien-Öffentlichkeit, die ihn als Politiker lobte, auch wenn man nicht recht wisse, warum er in der SPD sei. Wählerstimmen brachte das nur bedingt, aber immerhin bewegte sich die Sozialdemokratie noch über der Marke von 40 Prozent.

Schmidt präsentierte sich als ein Mann von kühler Sachlichkeit und Entschlossenheit. Er war, wie der Schriftsteller Peter Härtling bereits 1967 schrieb, ein Meister in der Kunst der Selbstinszenierung: "Wer ihm zuschaut, merkt sofort, daß er seine Forschheit schmaläugig kontrolliert, daß er sich in der Hand hat und unentwegt an seine Wirkung denkt." Mit der unzählige Male zitierten und von ihm selbst beglaubigten Formulierung, wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen, grenzte sich Schmidt ostentativ gegen seinen von der konservativen Presse als "Willy Wolke" verunglimpften Vorgänger ab, mit dem sich Hoffnungen vor allem der jungen Generation auf eine moderne und gesellschaftlich fundierte Demokratie verbunden hatten. Große Reformvorhaben sollten von nun an, verkündete Schmidt in seiner ersten Regierungserklärung, auf den Prüfstand der finanziellen Möglichkeiten gestellt werden.