Nicht bestürzt oder traurig sei er, sagt Joachim Löw und holt tief Luft, "ich bin voller Wut!". Die Empörung richtet sich gegen 200 gewaltbereite Fans, die meisten von ihnen junge Männer, die beim Auswärtsspiel der DFB-Elf in Prag Parolen wie "Sieg Heil" skandiert und den deutschen Spieler Timo Werner als "Hurensohn" beschimpft hatten.

Dieser Auftritt Löws ist einer seiner größten Momente abseits der Coaching-Zone. Er wirkt erschüttert, schaut wie versteinert in die Kameras, sein Oberkörper starr, als könne ihn kein Tornado umpusten.

Der Bundestrainer bricht aus der Vermarktungsmaschine Nationalmannschaft aus. Da sitzt jetzt kein Funktionsträger, sondern ein Mensch, der auf die oberste Spielregel pfeift, die man auf einer Pressekonferenz beachten sollte: Nur ja keine Haltung einnehmen, die man nicht zurücknehmen kann.

"Diese Chaoten", sagt Löw, "wollen wir nicht, und wir sind nicht deren Nationalmannschaft." Seine Spieler hatten zuvor schon, gleich nach der Partie, ihre Verachtung gezeigt, indem sie sich nicht wie üblich von den mitgereisten Fans in der Kurve verabschiedeten.

Es war höchste Zeit, dass sich Identifikationsfiguren wie Joachim Löw oder Mats Hummels von den gewaltbereiten deutschen Fans mit rechtsradikaler Gesinnung distanzieren. Schließlich suchen Hooligans nicht erst seit dem Abend in Prag nach Gelegenheiten, sich im Umfeld der Mannschaft vor einem Millionenpublikum zu profilieren.

Es ist richtig, sich ihnen in den Weg zu stellen. Die wachsende Wut vieler Fans ist jedoch nicht nur bei Auswärtsspielen der DFB-Elf zu beobachten, während derer der Verband nur begrenzt kontrollieren kann, wer Zugang ins Stadion erhält. Auch bei deutschen Ligaspielen wurde dem DFB in den vergangenen Wochen der "Krieg" erklärt.

Was ist das für eine Wut? Und was sind das für Menschen? So wichtig es ist, den rechtsradikalen Hooligans Grenzen zu ziehen – man darf nicht alle extremen Fans mit ihnen in einen Topf werfen. Unter den sogenannten Ultras zum Beispiel gibt es viele, die ganz zu Recht gegen die Kommerzialisierung im Fußball protestieren. Die Ultra-Szene ist, und das macht die Auseinandersetzung so kompliziert, heterogen: Es gibt da Konservative, Liberale, Unpolitische, Gewaltverherrlichende und Gewaltverachtende. Sie alle vereint eine extreme Leidenschaft für den Fußball, und sie nutzen das Stadion als Bühne ihrer Rebellion – gegen Funktionäre, Sportpolitiker, gegen die Justiz und die Medien. Die Wut sucht sich dann leider auch ungeeignete Ziele wie den 21-jährigen Timo Werner: wegen seiner Schwalbe im Spiel gegen Schalke und auch deswegen, weil er für den RB Leipzig spielt, den Inbegriff der Kommerzialisierung in den Augen der Ultras.

Über solche und andere Feindbilder stabilisieren sich die Fans mancher Vereine. So konnte man den ein oder anderen Dynamo-Ultra auch schon auf Pegida-Veranstaltungen antreffen. Diese Leute scheint eine fundamentale Unzufriedenheit anzutreiben, die mit dem Sport wenig zu tun hat. Sie kommt in der Subkultur des Fußballs nur zum Vorschein. Diese Fans haben das Gefühl, nicht mehr dazuzugehören. Die Vereine bieten ihnen kaum noch Identifikationsfiguren, die nicht nach kurzer Zeit weiterziehen. So haben sie sich vereinsübergreifend gegen "das System" DFB solidarisiert.

Es gibt kaum einen zuverlässigeren Weg, in dieser Gesellschaft auf sich aufmerksam zu machen, als durch die Rebellion gegen das, was man für politische Korrektheit hält: Man fährt mit einem aufgemotzten Benz durch die Stadt, verbreitet sexistische Songtexte via YouTube oder brüllt Hassparolen im Stadion.

Die Distanzierung Löws und der Mannschaft von den Hooligans ist richtig. Doch so vehement sich der Bundestrainer gegen den Hass in der Prager Kurve wandte, so leidenschaftlich sollte sich der Verband mit der Motivation der breiten Ultra-Bewegung jenseits der rechtsextremen Hetzer auseinandersetzen.

Deren Wut kommt nicht allein aus dem Fußball. Sie drückt Entfremdung aus. Das geht die Gesellschaft als Ganze an.