Abgezehrt sah er aus, so notierte sein Freund und Biograf Abraham von Franckenberg, dazu "schlicht", mit "niedriger Stirn, erhobener Schläfe, etwas gekrümmter Nase": Jacob Böhme, Schuster aus Görlitz, Theosoph, Autodidakt, Dichter, Philosoph, Augenzeuge des Dreißigjährigen Krieges und ... – Jacob Wer?

Man darf sich nicht von den gemalten Porträts abschrecken lassen, die den Eingang zu der gerade eröffneten Jacob-Böhme-Schau in der Dresdner Schlosskapelle flankieren. Beide sind posthum entstanden, es handelt sich nicht um authentische Konterfeis. Dem fast schon auf die Knochen abgemagerten Greis rechts steht links ein wohlgenährter Biedermann zur Seite. Der eine bleich wie ein Gespenst, der andere selbstzufrieden und mit stumpfem Blick. Beide unsympathisch und kaum mit Hegels Begeisterung in Einklang zu bringen, Böhme sei der erste Philosoph Deutschlands gewesen.

Tatsächlich stammt fast alles, was wir von Böhme erfahren, aus zweiter Hand. Für eine wasserdichte Rekonstruktion seiner Biografie fehlen die Zeugnisse. Dennoch wollte man in Dresden mehr über den noch weitgehend unbekannten Autor wissen, über dessen Ideen, die er von 1612 an bis zu seinem Tod im Jahr 1625 aufschrieb und die weit über die deutschsprachigen Landesgrenzen hinauswirkten. Vor drei Jahren fiel der Startschuss zu den Ausstellungsvorbereitungen. Zur Eröffnung präsentieren die Kuratorinnen Claudia Brink, Lucinda Martin und Cecilia Muratori neben dem Katalog einen zusätzlichen Band zur aktuellen Forschungslage.

Jacob Böhme zeigt sich darin als vielseitiger Kopf. Kaum dass man seinen gedanklichen Kapriolen folgen kann, die in der Frage nach dem Wie und Warum des Menschen wurzeln und von dort durch Literatur, Kunst, durch religiöse, philosophische Debatten und naturwissenschaftliche Erkenntnisse schnell bis an die Grenzen des damaligen Wissens vorstoßen. Und das aus eigener Anschauung, die sich ausdrücklich aufs Beobachten – auch der eigenen Gefühle – konzentriert und nicht auf die Lektüre gelehrter Schriften.

So sieht Böhme im natürlichen Wachsen und Vergehen die zentrale Kraft allen Seins. Gut und Böse finden darin ein Gleichgewicht, sogar Mann und Frau werden von ihm als Gleiche wahrgenommen. Nicht die Moral, sondern die Bewegung steht im Zentrum seiner Überlegungen. Deshalb interessiert ihn alles, und wirklich alles versucht er miteinander in Verbindung zu bringen: Gott und die Welt – das kann man bei ihm wörtlich nehmen.

Wie fast alle Dilettanten wagt er sich auf unwegsames Terrain. Sein Joker sind seine Sinne, er nimmt die von ihm verwendeten Wörter in den Mund und fährt mit der Zunge ihre Konturen ab: "Das Wort HIMMEL fasset sich im Herzen und stösset biß auf die Lippen, da wird es verschlossen: und die Silbe MEL macht die Lippen wieder auff und wird mitten auff der Zungen gehalten und fährt der Geist auff beiden Seiten der Zunge aus dem Maule."

In sieben Jahren schreibt Böhme 28 Werke, von denen nur zwei Texte unter dem gemeinsamen Titel Der Weg zu Christo zu Lebzeiten veröffentlicht werden. Dazu verwickelt er sich in ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Obrigkeit, vor allem mit den Offiziellen der protestantischen Kirche. Er muss das Schusterhandwerk aufgeben, handelt auf dem Schwarzmarkt, wird der Häresie verdächtigt, kommt ins Gefängnis und sieht sich über Jahre hinweg mit einem Schreibverbot belegt.

Seine Werke kursieren als Abschriften beim interessierten Publikum. Es gibt ein heimliches Netzwerk unter Freunden, das vor allem eins beweist: Böhme war keineswegs der ungebildete Mann aus dem Volk, als der er sich selbst ausgab. Er korrespondierte mit Wissenschaftlern seiner Zeit, Adlige veröffentlichten seine Schriften auf eigene Kosten, 1624 besuchte er den kurfürstlichen Hof in Dresden, vermutlich um sich dort über seine Ideen auszutauschen.