Philip Larkin, der englische Lyriker mit Hang zu Tradition und gepflegtem Pessimismus, hatte auf die Frage nach dem Kollegen John Ashbery eine eher flapsige Antwort parat: "I’d prefer strawberry." Dabei hätte gerade ihn beeindrucken müssen, wie geistreich Ashbery mit überlieferten Formen spielte, dem Pantum (in Hotel Lautréamont) oder, in The Painter, der Sestine, jener rigiden Struktur, für deren Verwendung er die schönste Rechtfertigung gab: Es sei, als fahre man auf dem Rad den Hang hinab und nicht die Füße trieben die Pedale an, sondern die Pedale die Füße, und man wisse nicht, wo die Fahrt ende. Auch die Gedichte Ashberys, die im freien Vers gehalten sind, und das ist die Mehrzahl, sind so unberechenbar und frei, wie Verse nur sein können, facettenreich, nie festzunageln auf einen Sinn: "Nun achtete er nur noch auf Zeichen. / War die Zigarre ein Zeichen? / Und was ist mit dem Schlüssel?"

Dass in der frühen Sestine ein Maler auftritt, kommt nicht von ungefähr, denn es war, neben der Musik, insbesondere dem Werk von John Cage, die bildende Kunst, die Ashbery prägte, der als Kritiker in Paris wirkte, mit Vertretern des Abstract Expressionism befreundet war – und dem Manieristen Parmigianino das Titelgedicht seines bekanntesten Buches widmete, Selbstporträt in einem konvexen Spiegel, eine poetisch wie intellektuell dichte Reflexion über das berühmte Bildnis, das "so mächtig in seiner / Zurückhaltung" ist, "daß man nicht lange hinschauen kann. / Das Geheimnis liegt zu offen da."

Ashbery, geboren 1927 in Rochester, war fünfzig Jahre alt, als ihm dieser siebente Band zu Ruhm und zum Pulitzerpreis verhalf. Dabei waren schon seine Anfänge gesegnet, denn das erste Buch hatte kein Geringerer als W. H. Auden ermöglicht – auch wenn der später einem Freund anvertraute, er habe kein einziges Wort dieser Lyrik verstanden, in der sich seit je Hochsprachliches mit Alltagsslang, ja mit Kalauern verband. Auf den gelegentlich erhobenen Vorwurf der Dunkelheit, der Unverständlichkeit, reagierte Ashbery allerdings verdutzt: Was seine Gedichte bedeuten, bestimme der Leser, der sich in dieser Schlüsselrolle denn auch ein ums andere Mal angesprochen fühlen darf: "Für dich / habe ich die Beschreibung des Hühner-Sandwiches aufgehoben, / Und des Glasauges, das vom bronzenen Kaminsims erstaunt / auf mich starrt und nie befriedet werden kann."

Oft als Vertreter der New York School bezeichnet, war Ashbery doch weniger Teil einer Schule als die Schule selbst, ein Lehrmeister, der für Generationen zum Vorbild wurde, auch in Europa. Uramerikanisch bleiben seine Gedichte dennoch, mit ihren Anklängen an den Jazz, ihrer Nähe zur Metropole New York, dieser "Stadt, die mit ihren schönen Vororten in das All / Fällt". Mit Wallace Stevens wurde er verglichen, mit dem er die Eleganz, den Esprit teilt, in seiner Nachfolge wurde er zum bedeutendsten amerikanischen Lyriker der vergangenen Jahrzehnte, der bis zuletzt in Hudson im Bundesstaat New York wohnte, obwohl er, hört man, bei aller Strahlkraft kein Sonnenkönig war, sondern zugewandt, mit offenem Ohr für die Jüngeren, die er am Bard College und anderswo schreiben lehrte: "Wie Honig lag das Abendlicht in den Bäumen, / Als du von mir weggingst bis ans Ende der Straße, / Wo der Sonnenuntergang plötzlich vorüber war. / Die verschnörkelte Zugbrücke ließ sich / Herunter zu den zarten Vergissmeinnicht. Schon stehst du drauf." Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass John Ashbery am vergangenen Sonntag im nahezu biblischen Alter von neunzig Jahren nicht etwa gestorben ist, sondern schlicht einmal mehr an einem Ort ist, an dem ihn niemand erwartet hätte.