Der 16. März 1983 war für den israelischen Geheimdienst Mossad eine letzte Hoffnung. Es war der gemeinsame Geburtstag von Dr. Josef Mengele, dem berühmt-berüchtigten Arzt von Auschwitz, und von dessen Sohn Rolf Mengele, einem Rechtsanwalt, der in West-Berlin lebte. Die Agenten hofften, dass Vater und Sohn an diesem Tag miteinander telefonierten. Schon seit Monaten bereiteten zwei Agenten der Einheit "Keshet", zu Deutsch: Regenbogen, die Operation gegen Rolf Mengeles Wohnung in der Babelsberger Straße 6 in Berlin vor. Am 14. März 1983, zwei Tage vor dem Geburtstag, wurde eine Abhörvorrichtung in Rolf Mengeles Telefon installiert.

Sohn Rolf hatte zu seinem verschwundenen Vater eher selten Kontakt, allerdings wusste man, dass der Massenmörder Mengele beleidigt reagiert hatte, weil der Sohn nichts erzählt hatte, als er zum zweiten Mal heiratete. Dann wird er doch wenigstens zum Geburtstag anrufen – diese Hoffnung ist in einer Mossad-Akte festgehalten. Und dann sollte, so das Ziel der Operation, dem jungen Mengele vorgegaukelt werden, der Vater sei krank und brauche die Hilfe seines Sohnes. "Der Hinkende", wie der Mossad Rolf Mengele intern nannte, sollte dazu bewogen werden, sich auf den Weg zu seinem Vater zu machen. Bei dem Zusammentreffen wollte der Mossad zuschlagen.

Diese Berliner Aktion verdeutlicht die Hilflosigkeit des ansonsten so gefürchteten israelischen Geheimdienstes. Josef Mengele rief nicht an, um zu gratulieren. Wie sollte er auch? Jahre später stellte sich heraus, dass er zu diesem Zeitpunkt schon längst tot war. Das Leben des Josef Mengele hatte im Februar 1979 ein Ende gefunden. Mit einem Badeunfall.

Josef Mengele galt als Symbol des ultimativen Bösen, als ein wahrhaftiger Teufel, der nie für seine Verbrechen zur Rechenschaft gezogen worden war. Die Akte "Melzer", wie der Mossad Mengele intern nannte, ist bis heute geheime Verschlusssache. Aber nach mehrjähriger Recherche habe ich sie lesen und auswerten können. Zu der Fülle an Dokumenten, Einsatzplänen und Fotografien, auf die ich in der Akte gestoßen bin, kommen noch Interviews mit Angehörigen des Mossad, die ich in den vergangenen 20 Jahren geführt habe. Die Recherchen zeichnen das Bild einer gescheiterten Operation – und eines Geheimdienstes, der die Suche nach Mengele erstaunlich lange schleifen ließ.

Die Akte bildet minutiös die Lebensgeschichte von Mengele nach: seine Geburt in Günzburg in Bayern, seine Promotion, seinen Eintritt in die NSDAP und in die SS, die hierfür erforderlichen medizinischen Untersuchungen, die Feststellung der "Rassenreinheit", die Teilnahme am Krieg an der Ostfront, den Erhalt des Eisernen Kreuzes und die Ernennung zum leitenden Arzt von Auschwitz-Birkenau. Schließlich die von Mengele durchgeführten berüchtigten Selektionen, um festzustellen, wer arbeitsfähig sei und wer direkt in die Gaskammern geschickt werden sollte, die furchtbaren medizinischen Experimente mit den Gefangenen und seine Präferenz für Zwillinge und Kleinwüchsige. In vielen Fällen brachte Mengele selbst diejenigen um, die seine Versuche überlebt hatten.

Nach Kriegsende besorgte sich Mengele Papiere auf den Namen Dr. Josef Memling. Da er keine eintätowierte SS-Nummer trug, konnte er sich als gewöhnlicher Kriegsgefangener tarnen. Drei Jahre lebte Mengele in Europa, und trotz der Tatsache, dass im Laufe der Nürnberger Prozesse Zeugenaussagen über einen besonders sadistischen Arzt in Auschwitz gemacht wurden, wurde er von niemandem gesucht.

Erst im Herbst 1948 flüchtete Mengele aus Furcht vor einer Strafverfolgung nach Südamerika. Ein Netzwerk von ehemaligen SS-Angehörigen ließ seine Verbindungen beim Internationalen Roten Kreuz spielen und besorgte Mengele gefälschte Papiere, die ihn als "Dr. Helmut Gregor" auswiesen, "1911 in Trameno geboren und von Beruf Mechaniker". In der Mossad-Akte steht, dass "Helmut Gregor am 20. Juni 1949 an Bord des Schiffes North King in Buenos Aires" ankam. Die ersten Jahre führte er dort ein unbehelligtes Leben. Er stammte aus einer reichen Industriellenfamilie, die ihn mit ausreichend Geld versorgte.