Ein Mittwochmorgen um halb neun. Vor einem breiten Garagentor in München stehen zwei Frauen und warten. In zwei Stunden soll das Training des FC Bayern beginnen. Vorher müssen die Spieler in dieser Garage an der Säbener Straße ihre Autos abstellen. Die Mutter trägt das Trikot von Thomas Müller. Ihre Tochter, im Zahnspangenalter, trägt Joshua Kimmich.

Um halb elf läuft ihr Idol tatsächlich auf den Trainingsplatz. Die Linien sind frisch gekalkt, gelbe Markierungshütchen liegen bereit, Kimmich trägt sein dunkelblondes Haar akkurat gegelt. Sein schmales Gesicht ist hübsch geschnitten, schon beim Joggen schaut er ernst und konzentriert.

Der Chef steht breitbeinig auf dem perfekt gemähten und gewässerten Rasen. Trainer Carlo Ancelotti spielt mit seiner Trillerpfeife, lässt sie am Bändel um den Finger kreisen. Joshua Kimmich dehnt gewissenhaft die Oberschenkel, bläst die Backen auf. Er sagt über sich: "Ich bin ein 100-Prozent-Mensch."

Kimmich ist 22 Jahre alt. Er wirkt wie ein schmächtiger Junge, soll aber eine große Rolle übernehmen: die von Philipp Lahm. In der Nationalelf hat das diesen Sommer geklappt, Kimmich hat den Confed Cup gewonnen. Stürmerkollege Sandro Wagner hat sich nach zwei Toren für seine Vorlagen bedankt: "Ich hab selten jemand gesehen, der so gut flankt. Vielleicht können wir den nach Hoffenheim holen."

Die Frage ist: Wird er in München den Erwartungen gerecht, die man hier an den rechten Außenverteidiger stellt? Erstaunlicherweise ist Joshua Kimmich nicht genervt von den Er-ist-halt-noch-kein-Lahm-Diskussionen. "Es ist normal, dass die Leute mich mit ihm vergleichen. Aber es wäre vermessen, ihn eins zu eins ersetzen zu wollen. Das will ich auch nicht, ich will niemand kopieren, sondern Joshua Kimmich sein." Kimmich spricht überlegt und zurückhaltend. Er ist in Bösingen aufgewachsen, einem Dorf in Baden-Württemberg, in der Nähe von Rottweil. Die Schwäbische Alb ragt postkartenschön in den Horizont, es gibt mehr Einfamilien- als Bauernhäuser. Die Fastnachtsnarren sind organisiert in der "Speckmockelzunft", aber der größte Verein im Dorf ist der VfB Bösingen. Zwei Plätze zwischen Wald und Wiesen, an der Bande wirbt die örtliche Schinkenräucherei. Hier hat Kimmich das Fußballspielen gelernt.

Als Zwölfjähriger ist er einem Scout des großen VfB aus Stuttgart aufgefallen. Markus Rüdt erinnert sich begeistert an jenes Hallenturnier: "Joshua war ein richtiger Kicker. Mit großer Spielfreude und sehr aktiv." Ein Jahr lang brachten ihn die Eltern nach Stuttgart ins Training. Meist fuhr die Mutter, selbst ohne Stau dauert ein Weg 90 Minuten. Auch von den Eltern ist Rüdt begeistert: "Sie haben nicht nur den Fußballspieler gefördert, sondern großen Wert auf die gesamte Entwicklung ihres Kindes gelegt. Ich habe bei ihnen nie den Druck gespürt: Wir tun so viel für dich, jetzt musst du bitte schön Profi werden."

Mit 14 Jahren zog Kimmich ins Jugendinternat des VfB. Rüdt zeigt auf die Bäume neben dem Trainingsplatz: "Dort haben wir einen Slackline-Parcours aufgebaut. Joshua war der Kleinste, er kam fast nicht aufs Seil. Aber er hat sich in die Aufgabe reingebissen und den Wettkampf mit den Großen angenommen." So verhielt sich der schmächtige Junge auch auf dem Platz: "Ihm fehlte damals die körperliche Präsenz, und er war nicht der Schnellste. Aber durch seine Handlungsschnelligkeit hat er sich einen Vorsprung verschafft. Joshua ging immer vorneweg. Er war ein Führungsspieler, der die ganze Mannschaft mitreißen konnte."

Auch in der Schule war er ein Musterknabe. Joshua besuchte das Gymnasium, Rüdt sagt: "Er hat seinen Alltag zum größten Teil selbst organisiert und kaum Unterstützung gebraucht." Kimmich sagt über sich: "Mathe ist mir ganz gut gelungen. Und in Deutsch war ich auch nicht ganz schlecht." Das Abitur schaffte er mit 1,7.

Mit 18 Jahren wechselte er nach Leipzig, sein erstes Zweitligaspiel gewann er auswärts 3:0 gegen 1860 München. Pep Guardiola saß im Stadion und war angetan, als Zwanzigjähriger bekam Kimmich einen Vertrag beim FC Bayern. Beim Wechsel nach München verhielt er sich so wie auf der Slackline in Stuttgart: nicht verstecken oder abwarten, sondern hohe Ziele angehen. Über Bastian Schweinsteiger sagte er: "Klar ist Schweini ein Vorbild von mir. Aber ab der nächsten Saison sind wir Mitspieler und in gewisser Weise auch Konkurrenten."

Schweinsteiger wechselte nach England, Kimmich gewann in seiner ersten Saison in München das Double. Mit 21 nahm Joachim Löw ihn mit zur Europameisterschaft. Im Viertelfinale musste der Neuling zum Elfmeterschießen antreten und verwandelte. Deutschland feierte den ersten Sieg gegen Italien.