Er trägt jetzt wieder Brille. Hatte er nicht selbst berichtet, eine reizende indische Augenärztin habe ihn von seiner Kurzsichtigkeit kuriert? Ist das nicht sogar die Ministerbrille? Zwischendurch hatte er doch eine andere, mehr so ein Start-up-Modell. Und ist das da hinten am Stehtisch nicht Stephanie, seine Ehefrau? Tatsächlich. Und Enoch! Der Herr Papa, ein berühmter Dirigent, ist auch nach Kulmbach gekommen. Na, wenn das mal nichts zu sagen hat.

Es wird ganz, ganz genau hingeschaut, wenn sich in diesen Tagen in Bayern das fränkische Wunder manifestiert. Er ist wieder da: Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg.

Bei seinem ersten Auftritt in Kulmbach wollen sie ihn gar nicht mehr gehen lassen, vierzig Minuten braucht Guttenberg für seinen Auszug aus der Stadthalle. Sein beispielloser Sturz als Verteidigungsminister, der peinliche Abgang aus der Politik, der Abschied aus Deutschland, das amerikanische Exil, das alles wirkt nur noch wie ein Intermezzo, das zwangsläufig zu Ende geht.

Zwei Wochen lang tourt Guttenberg, KT genannt, durch Bayern. An die zehn Auftritte absolviert der Mann, der die Fantasie seiner Partei und vieler Deutscher so beflügelt. Denn ihre Spannung beziehen Guttenbergs Auftritte daraus, dass man nicht sicher sagen kann, ob sie seinen Abschied aus der deutschen Politik nur spektakulär unterstreichen oder beenden sollen.

Zu seinem Auftritt am Montag auf dem Gillamoos, einer Bierzelt-Gaudi in Abensberg, seien mehr Zuschauer gekommen als zur Kanzlerin, die sich hundert Kilometer entfernt im Wahlkampf abrackerte, vermerkte die Süddeutsche Zeitung. Im Nebenzelt trat Martin Schulz auf, aber der Politiksender Phoenix übertrug Guttenberg.

Er ist also wieder da. Doch als was eigentlich? Seine Kurztournee, so ist aus der CSU-Spitze zu erfahren, habe durchaus den Charakter eines Testlaufs: Wie reagieren die Leute? Seit Monaten arbeitet Horst Seehofer daran, den einstigen Liebling der Partei zu reaktivieren. Wie Angela Merkel denkt auch Seehofer gern vom Ende her. Nur dass sein Ende meist ein anderes ist als das der Kanzlerin. Das erste wichtigste Ziel heißt: die absolute Mehrheit bei der Landtagswahl 2018 verteidigen. Daneben gibt es noch ein weiteres Ziel, von dem einige Parteifreunde meinen, es habe sich zur fixen Idee entwickelt. Es heißt: Markus Söder verhindern, den ehrgeizigen Finanzminister. Als Parteichef, als Ministerpräsidenten, als alles. Seehofer hält Söder in jeder Hinsicht für ungeeignet als Nachfolger, das hat er oft genug deutlich gesagt.

Dass Guttenberg aus Amerika gleich in den Parteivorsitz springt, ist eher ausgeschlossen

Eigentlich hatte Seehofer erklärt, er werde nicht mehr als Parteichef antreten, nun will er sich im Herbst wiederwählen lassen. Auch dieses Manöver erklären sich die Parteifreunde vornehmlich mit dem Söder-Komplex.

Dass Guttenberg aus Amerika gleich in den Parteivorsitz springt, hält man in der CSU indes für ausgeschlossen, dieser Anlauf wäre selbst für den Gesalbten, wie Guttenberg mit spöttischer Bewunderung genannt wird, etwas zu kurz. Zumal da die Begeisterung in der Partei nicht ganz so groß ist wie außerhalb. Viel schöner könnte es also sein, Guttenberg an gut sichtbarer Stelle zu platzieren, zum Beispiel im Kabinett in Berlin. Da könnte er glänzen und wachsen, während Söder schrumpft.

Bloß, welcher Posten könnte das sein? Entwicklungshilfeminister wäre für Guttenberg kaum interessant, schließlich ist er inzwischen Unternehmer in den USA, auch die Familie soll dem Umzug nach Berlin eher skeptisch gegenüberstehen. Als Innenminister gilt Joachim Herrmann als gesetzt. Verkehrsminister, das wäre schon eher etwas. Damit ist man faktisch Heimatminister und kann viel Geld nach Bayern fließen lassen. Das Amt könnte außerdem noch irgendwie zum Zukunftsministerium aufgemöbelt werden, indem man etwas mit Digitalisierung dazupackt. Und irgendwann könnte man dann die Frage aufwerfen, ob es nicht doch, wie unter Theo Waigel, gut wäre, wenn der Parteichef in Berlin säße. Verkehr soll zwar eigentlich Andreas Scheuer bekommen, der bisherige Generalsekretär. Aber wenn’s um höhere Fragen geht, müsse "der Andi halt was anderes machen", sagt ein CSU-Präside achselzuckend. Es gehe Seehofer zunächst einfach darum, für jeden Posten eine Besetzung aufbieten zu können und Guttenberg im Spiel zu halten.