Eines vorweg: Es gehört zur neuen journalistischen Demut, oder sollte dazugehören, sich mit Prognosen zurückzuhalten. Schon zu wissen, wie eine Wahl ausgeht, lange bevor das Volk zur Urne gegangen ist, stellt ein doppeltes Risiko dar, nämlich: 1. voll danebenzuliegen oder 2. den Eindruck zu erwecken, als könnten die Medien mit der ihnen verbliebenen Macht den Wahlausgang bestimmen. Was sie weder können noch können wollen sollten.

Andererseits: Ein Ereignis wie das Duell vom vergangenen Sonntag lässt sich schwerlich ignorieren, auch nicht, dass Martin Schulz daraus nicht als Sieger hervorgegangen ist. So scheint, mit aller Vorsicht gesagt, zurzeit die spannendste Frage dieses Wahlkampfes jenseits der SPD zu liegen.

Manche sagen nun, es gehe um die Frage, wer am Ende auf Platz drei liegt. Das ist falsch, denn es ist durchaus egal, ob die AfD oder die Linke mehr Stimmen hat, weil beide mehr oder weniger keine Chance haben, in die Regierung zu kommen. Wirklich entscheidend hingegen ist, ob die FDP oder die Grünen stärker sind und wer von beiden mit Angela Merkel regieren könnte.

Skeptiker und Dauergelangweilte wenden hier schon ein, dass es letztlich doch wurscht sei, welcher Partei Angela Merkel als Nächstes das Blut aus den Adern saugt, welche Farbe die Kirsche auf der immer gleichen Merkel-Torte hat. Auch das ist falsch. Denn die kommende Legislaturperiode wird, wie aus sehr gut unterrichteten Kreisen zu erfahren ist, wirklich Merkels letzte als Kanzlerin sein. Ob das stimmt, ist gar nicht so wichtig, entscheidend ist, dass alle Beteiligten es diesmal glauben. Macht entspringt aus Erwartungen, und die herrschende Erwartung, dass die Zeit dieser Kanzlerin zu Ende geht, hat mehrere Konsequenzen: 1. Merkel wird freier. 2. Sie verliert, beginnend mit dem 25. September, täglich ein bisschen Macht. 3. Die Kämpfe um ihre Nachfolge entbrennen offener. 4. Die CDU, die von ihr so lange auf einem Kurs der Mitte gehalten wurde, wird versuchen, sich nach rechts zu bewegen, jedenfalls viele in der Partei.

Aus all diesen Gründen wird die Union deutlich instabiler, folglich kann der künftige Koalitionspartner erheblichen Einfluss nehmen auf die Richtung der Regierungspolitik, damit auf die Richtung der EU, damit auf die Richtung des Westens, der wegen des Ausfalls der USA als Führungsmacht seinerseits recht instabil geworden ist.

Es steht also etwas auf dem Spiel bei der Frage Schwarz-Gelb oder Schwarz-Grün?. Ob Angela Merkel mit drei Parteien rechts von sich selbst, also CSU, FDP und der Spahn-CDU, regiert oder mit einer links von sich, also den Grünen, das spielt dann schon leicht ins Schicksalhafte.

Zumal die beiden möglichen Koalitionspartner, FDP und Grüne, sich so sehr unterscheiden wie sonst keine zwei anderen Parteien mit Aussichten aufs Regieren. Um welche Unterschiede geht es dabei? Angela Merkel hat die Union in den vergangenen zwölf Jahren weiblicher, sozialer, ökologischer und schließlich flüchtlingsfreundlicher ausgerichtet, als es der Natur dieser Partei entspricht. So sehr, dass sie schon als erste grüne Kanzlerin der Republik erscheinen konnte.

Freilich handelte es sich dabei zum Teil um eine optische Täuschung, in Wahrheit hat Merkel alles Grüne sehr spät und sehr halbiert gemacht, von der schleppenden Energiewende bis zur vergessenen Verkehrswende. Eine nicht bloß gefühlte, sondern reale schwarz-grüne Koalition würde darum bedeuten, dass der bisherige Kurs von Angela Merkel trotz ihres schleichenden Machtverlusts bewahrt oder sogar verschärft würde. (Wer die gefühlte Merkel will, die er kennt, kann darum nicht Merkel, sondern muss grün wählen.) Weswegen die CSU alles versuchen wird, Schwarz-Grün zu verhindern. Daraus ergibt sich wiederum, dass es eine Koalition mit den Grünen nur geben kann, wenn die Ökopartei mehr Stimmen hat als die FDP und die FDP zu wenig, als dass es für Schwarz-Gelb reichen würde.

Und was könnte eine Wiederauflage der christlich-liberalen Koalition bedeuten? So wie Christian Lindner die FDP ausgerichtet hat, würde es auf die schrittweise Rückabwicklung der angegrünten Ära Merkel hinauslaufen. Zusammen mit der CSU und dem dann lauter werdenden konservativen Flügel der Union dürfte die Lindner-FDP die Energiewende verlangsamen, einen härteren Kurs in der Flüchtlingspolitik einschlagen und einen harscheren Ton gegenüber Muslimen wählen. Europapolitisch wäre sie näher beim finanzpolitisch strengen Finanzminister als bei der Kanzlerin, russlandpolitisch näher bei der CSU, also mit mehr Verständnis für Wladimir Putin, beides übrigens anders als die Grünen. (Wer also Angela Merkel behalten will, ihren bisherigen Kurs jedoch zu grün fand, der sollte nicht sie wählen, sondern die FDP).

Auch mit Blick auf das Personal gibt es deutliche Unterschiede zwischen Grünen und Gelben. Im einen Falle würde die immense Erfahrung der Union und ihrer Kanzlerin durch ebenfalls sehr routinierte und überwiegend schon regierungserfahrene Grüne ergänzt. Manchem wird das in der Summe zu viel Routine ergeben, anderen dürfte die Ballung an Kompetenz in einem aufgewühlten internationalen Umfeld gefallen. Bei der FDP wäre es umgekehrt, frisches Blut, das die ewige Kanzlerin herausfordern würde, aber bedenkliche Lücken auf vielen politischen Feldern. Wer Frische und ein bisschen Risiko liebt, der ist hier gut bedient. Jedenfalls verhält es sich von der personellen Seite her ganz anders, als man erwarten könnte: Die traditionelle Koalition ist neuer und riskanter, die neue Konstellation wäre berechenbarer und professioneller.

Und wenn es nun für beides nicht reicht, sondern nur für alle zusammen, also Jamaika? Die Koalition im Bund mit zwei Parteien, die rechts von den Grünen stehen, würde die Ökopartei kaum überstehen. Es wäre ein Himmelfahrtskommando. Aber wer weiß: Auch hier gilt die neue Prognose-Demut.