DIE ZEIT: Die Siemens Stiftung will die Wertebildung im naturwissenschaftlich-technischen Unterricht stärken. Wie soll das gehen?

Nathalie von Siemens: Die Idee kam uns in der Zusammenarbeit mit Pädagogen in Kolumbien. Wir arbeiten in der Stadt Medellín mit über 50 Schulen zusammen. Die Stadt war eine Hochburg der Kriminalität und versucht nun einen Turnaround, indem sie ganz wesentlich auf Bildung setzt. Wir unterstützen Lehrer mit Fortbildungen in den naturwissenschaftlich-technischen Fächern. Das gemeinsame Experimentieren verändert das Verhalten der Schüler. Die Pädagogen berichten uns, dass gerade bei Lernenden in den Problemvierteln die Gewalt und Neigung zu Aggression stark zurückgeht, wenn sie im Team forschen. Selbstvertrauen und soziales Verhalten steigen deutlich.

ZEIT: Das wäre sicher auch mit anderem Unterricht gelungen.

Von Siemens: Aber es ist mit diesem Unterricht gelungen. In den Mint-Fächern – also in Mathematik, Informatik, den Naturwissenschaften und Technik – können Werte gekoppelt an wichtige Fragen des Alltags vermittelt werden und nicht im luftleeren Raum. Wer sich mit Naturwissenschaft und Technik befasst, der muss reflektieren und bewerten. Da könnte auch hierzulande deutlich mehr an den Schulen geschehen. Das wollen auch die meisten Deutschen.

ZEIT: Woher wissen Sie das?

Von Siemens: Wir haben eine repräsentative Umfrage durchgeführt: Zwei Drittel der Befragten wollen, dass die Schule die Wertebildung gezielter fördert – nicht nur im Religions- oder Ethikunterricht.

ZEIT: Überfordert man Lehrer damit nicht? Naturwissenschaftler sind ja nicht gerade für ihre Diskursfreude bekannt.

Von Siemens: Ist das wirklich so? Es gibt so viele engagierte und tolle Lehrer, die gerne das Potenzial nutzen, das ihre Fächer bieten. Aber richtig ist, dass viele Lehrkräfte noch nie mit ihren Schülern über Freiheit, Gerechtigkeit oder Nachhaltigkeit diskutiert haben. Unser Ansatz geht nicht gegen das Curriculum. Die Wertebildung sollte innerhalb der Themen stattfinden, die sowieso behandelt werden.

ZEIT: Wie soll das konkret geschehen?

Von Siemens: Indem wir das Erlernte mit gesellschaftlichem Engagement verbinden. Beim sogenannten Service-Learning erfahren Achtklässler im Physikunterricht beispielsweise von verschiedenen Energieformen und Leitsätzen des Energieerhalts. Anschließend erstellen sie ein Energiesparkonzept für eine benachbarte Schule. Auch arbeiten wir gerne mit der Dilemmata-Methode. Schüler und Schülerinnen reflektieren dabei anhand einer Fallgeschichte, dass eine Entscheidung Konsequenzen nach sich zieht. Zum Beispiel: Die Schwester ist morgens oft die Letzte im Bad und lässt das Licht brennen. Der Bruder sieht, dass das Licht noch an ist, als er zur Schule geht. Verpetzt er die Schwester bei den Eltern? Oder spricht er selber mit ihr darüber, weshalb es wichtig ist, das Licht zu löschen, und riskiert einen Konflikt?

ZEIT: Was ist die richtige Lösung?

Von Siemens: Darum geht es nicht. Die Schüler sollen lernen, selbstständig abzuwägen und begründet zu entscheiden.

ZEIT: Was, wenn beim Abwägen das Böse siegt und nicht das Gute?

Von Siemens: Was heißt denn hier das Böse siegt? Wir wollen mündige, reflektierte Schüler. Und wenn sie Fragen stellen, die wehtun und konfrontieren, dann müssen wir uns mit diesen auseinandersetzen und die Antworten gemeinsam finden.

ZEIT: Siemens hat früher Atomkraftwerke gebaut. War das gut, oder war das böse?

Von Siemens: Die Atomkraft war eine in weiten Teilen der Gesellschaft akzeptierte Energieerzeugung. Das hat sich geändert, und das Unternehmen hat daraus Konsequenzen gezogen. Genau diese Diskursfähigkeit ist wichtig, und Wertebildung im Mint-Unterricht kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten.