Dass es Menschen gibt, die sich nach den guten alten Dingen sehnen? Das weiß Thomas Hartmann, natürlich weiß er das. Der 47-Jährige hat jahrelang gut von Sehnsüchten nach dem großen Gestern gelebt. Hartmann ist Konditormeister – und Chef von Nudossi. Die alte DDR-Marke brachte er Ende der Neunziger zurück auf den Markt: Damals, als keiner mehr an sie glaubte, als sie in den Nachwendewirren beinahe versunken war, kaufte er Fabrik und Namensrechte und begann, wieder Nudossi zu produzieren. Er hatte Erfolg damit. Bis heute schmieren sich viele Ostdeutsche mit Nudossi allmorgendlich eine Schicht Sehnsucht auf die Stulle. Haselnuss-Brotaufstrich, made in Radebeul.

Nur in den Westen hat Hartmann es mit Nudossi nie geschafft. Versucht er, einen Supermarktchef in Hamburg von seiner Nuss-Nougat-Creme zu überzeugen, schüttelt der den Kopf: Wir haben doch Nutella! Darüber ärgert sich Hartmann, sehr lange schon.

Aber jetzt, davon ist er überzeugt, wird sich das ändern. Jetzt stellt er, an seinem Firmensitz in Radebeul, ein Glas Nudossi auf den Tisch und sagt: "So sieht Zukunft aus!" Und er strahlt. Denn Nudossi, die Marke, die immer von diesem süßen Gestern lebte, hat eine Idee für morgen. Das Zauberwort, um das es hier geht, das Wort für eine Nuss-Nougat-Revolution gewissermaßen, lautet: Palmöl. Dieses Streichfett gilt als eine der Sünden der Ernährungsindustrie. Es wird aus den Früchten der Ölpalme gewonnen und steckt in vielen Lebensmitteln – weil es für eine wunderbar cremige Konsistenz sorgt. Umweltschützer bringt es auf die Palme: Zur Erweiterung von Palmölplantagen werden oft riesige Regenwaldflächen gerodet, Lebensräume von Orang-Utans und Tigern.

Dass Nutella, das Nudossi des Westens, mit Palmöl hergestellt wird, ruft immer wieder Kritik hervor. Auch Nudossi wird eigentlich mit Palmöl produziert. Nun jedoch zeigt Hartmann eben stolz auf sein neues Glas: "Ohne Palmöl" steht ganz groß darauf. Nudossi hat eine Rezeptur erfunden, die ohne den Stoff auskommt. "Palmöl ist ein Stück Vergangenheit", sagt Hartmann. "Wer es weglässt, macht einen Schritt nach vorn."

Eine DDR-Kultmarke will den Regenwald retten. Wie kommt das?

Thomas Hartmann, muss man wissen, interessiert sich eigentlich nicht so sehr für Orang-Utans oder Tiger, und deshalb brauchte es einen großen Zufall. Irgendwann im vergangenen Jahr gab es mal wieder eine Führung durch sein Werk. Hartmann hat dafür seine Leute, sie zeigen Gästen die Fabrik. Die Gäste erfahren bei diesen Rundgängen von Hartmanns Heldengeschichte: wie er mit seinem Vater in den Neunzigern eigentlich nur eine Halle gesucht hatte, in der er Stollenkonfekt backen kann. Dass das zufällig die Halle war, in der früher Nudossi hergestellt worden war. Dass er dann bald auf den Geschmack kam – und Nudossi wieder aufleben ließ. Die Gäste sehen, wie der heiße braune Schlick in den silbernen Kesseln brodelt, auf dass er zu Nudossi werde, und staunen.

Nach den Führungen jedenfalls lässt Hartmann sich gerne berichten, was die Leute so sagen. Und Mitte 2016 eben erzählte man ihm von einem jungen Mann, der ganz vehement nach Palmöl gefragt habe; ob man damit wirklich guten Gewissens produzieren dürfe.

Hartmann schenkte der Frage nicht viel Beachtung, die Leute fragen ja so einiges, aber das Wort, Palmöl – das wurde er nun nicht mehr los. Auf Facebook und per Mail begannen plötzlich Kunden, ihn ebenfalls zu fragen: Ob er die Zutat nicht weglassen könne?