DIE ZEIT: Herr Gasser, letzte Woche gab es gleich zwei Neuigkeiten für Parkinson-Patienten, zwei wichtige Studien erschienen. Sind es gute Neuigkeiten?

Thomas Gasser: Das kann man so sehen. In der einen Studie zeigte sich, dass Menschen, die ein Medikament genommen hatten, das eigentlich gegen Asthma wirkt, ein vermindertes Risiko aufwiesen, Parkinson zu bekommen.

ZEIT: Wie erklärt man sich diesen überraschenden Zusammenhang?

Gasser: Dazu muss man wissen, wie es zur Parkinson-Krankheit kommt: Wir gehen davon aus, dass bei einem großen Teil der Patienten die Überproduktion eines bestimmten Eiweißes ein großes Problem darstellt. Dieses Protein lagert sich dann im Gehirn ab, etwa in der Substantia nigra, einem Gehirnareal im Hirnstamm. Daraufhin gehen dort spezielle Nervenzellen zugrunde, die normalerweise den Botenstoff Dopamin herstellen. Fehlt der, kommt es unter anderem zu den bekannten Symptomen Zittern, Muskelstarre und verlangsamte Bewegungen.

ZEIT: Wie kann das Asthma-Medikament die Entstehung von Parkinson verhindern?

Gasser: Es scheint so zu sein, dass es die Produktion des schädlichen Eiweißes vermindert. Wenn Patienten dieses Medikament über Jahre nehmen, reduzieren sie damit wohl ihr Risiko, Parkinson zu bekommen.

ZEIT: Kann das Mittel auch das Fortschreiten der Krankheit verhindern – oder sie sogar heilen?

Gasser: Das weiß man noch nicht. Natürlich kann man sich vorstellen, dass der Körper die Krankheit besser bewältigen kann, wenn man frühzeitig die Produktion dieses Eiweißes drosselt. Das Problem ist nur, dass der Krankheitsprozess schon seit zehn, vielleicht sogar zwanzig Jahren im Gang ist, wenn die ersten Symptome auftreten.

ZEIT: Und dann ist es zu spät, um einzugreifen?

Gasser: Nach allem, was wir wissen: ja. Deswegen muss man bei diesen Medikamenten eher an eine Prophylaxe denken, also eine vorbeugende Behandlung.

ZEIT: Wie aber findet man die Menschen, die von der Prophylaxe profitieren würden, bei denen man also mit dem Mittel den Ausbruch der Krankheit verhindern kann? Man müsste sie ja schon zehn, zwanzig Jahre vorher identifizieren und ihnen das Medikament geben.

Gasser: Das ist ein Problem. Dafür braucht man Screening-Methoden, die noch nicht existieren. Momentan könnte man das Mittel nur bei Patienten einsetzen, von denen man weiß, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit an Parkinson erkranken werden – weil sie genetisch vorbelastet sind.

ZEIT: Wie viele sind das?

Gasser: Weniger als fünf Prozent der etwa 150.000 bis 300.000 Parkinson-Patienten in Deutschland.

ZEIT: Denen könnte man das Mittel schon geben?

Gasser: Man könnte bei ihnen zunächst mal in weiteren Untersuchungen ergründen, ob sich das jüngste Studienergebnis bestätigt.

ZEIT: Dann ist es wohl auch keine gute Idee, das Asthmamittel einfach möglichst vielen Menschen zu geben, in der Hoffnung, dass die kein Parkinson bekommen?

Gasser: Nein, das wäre fahrlässig. Das Medikament ist ja keine harmlose Pille, es ist unter anderem auch ein Mittel, das auf der Dopingliste steht. Dazu ist bekannt, dass es massiv in den Stoffwechsel eingreift und eine Menge Wirkungen auf den Körper hat – ebenso wie viele potenzielle Nebenwirkungen.