Auf den ersten Blick ist es mit der FDP und den Grünen wie mit zwei Singles an einer Kontaktbörse, deren Rohdaten eine frohe Zukunft verheißen: Man wohnt in ähnlichen Vierteln, ist gebildet, gut bezahlt und antiautoritär. Und gegen die große Koalition, man würde sich also durch ein Zusammengehen um die Demokratie verdient machen. Da müsste doch was gehen. Aber dann kommt das böse Erwachen, die Tinder-Überraschung: In Wahrheit passt nichts am anderen. Das Programm nicht, das Weltbild nicht, die moralische Attitüde nicht, und über den Porsche braucht man schon gar nicht mehr zu reden.

Es scheint sogar, als sei die Aversion zwischen Grünen und FDP tiefer als die Abneigungen an den Enden des parlamentarischen Spektrums, sagen wir zwischen Grünen und CSU. Da hat man sich verziehen, da ist man fast stolz darauf, miteinander zu können, nebeneinander im Kirchentagspräsidium zu sitzen, sozialpolitisch ähnlich zu ticken. Dass Cem Özdemir und Christian Lindner öfter miteinander essen gehen, ist dagegen mehr ein guilty pleasure, ein irgendwie sündhaftes Vergnügen, die Ausnahme von der Regel, aus der niemand ein politisches Signal abgelesen wissen möchte.

Wie kommt das nur? In der aktuellen Gefechtslage lassen sich vor allem drei Themen ausmachen, bei denen eine Einigung ohne Selbstverrat tatsächlich schwer vorstellbar ist: Diesel. Flüchtlinge. Europa. In allen drei Themen stecken die harten Grundkonflikte zwischen FDP und Grünen um die Rolle des Staates, des Marktes, der Ökologie und um die Frage, wo das Wir endet. Gleichzeitig, und das gehört zu den interessanten Ironien im Verhältnis der beiden Parteien, zeigen gerade diese Themen, wie sehr sie sich im Laufe der Jahre aufeinander zubewegt haben.

Nehmen wir den Diesel. Die Grünen-Ansage, die dem Wahlvolk dieser Tage als Erstes ins Auge springt, lautet: "Wir wollen die deutsche Automobilindustrie retten!" Parteichef Cem Özdemir will "nicht in Wolfsburg einschlafen und in Detroit aufwachen". Das emphatische Bekenntnis zum Auto ist eine Kulturrevolution für die Partei. Der frühere Fraktionschef Rezzo Schlauch musste sich vor Jahren noch vor einem Parteitag dafür entschuldigen, dass er im Übermut gesagt hatte, Autofahren habe etwas mit Freiheit zu tun.

Die Forderung nach einem Verbot des Verbrennungsmotors ab dem Jahr 2030 soll nicht das Verderben der Industrie sein, sondern ihre große Hoffnung. Jahrelang hatte der grüne Grübler Ralf Fücks seiner Partei, die eigentlich zu apokalyptischem Denken neigt, Technikbegeisterung, Optimismus und sogar eine Aussöhnung mit dem Kapitalismus einzuhauchen versucht. Hatte vor den autoritären Versuchungen gewarnt, die im Wunsch nach dem Schutz der Natur auch immer schlummern. Jetzt trägt das Früchte. Die grüne Regentschaft im Autoland Baden-Württemberg hat da geholfen.

Auch die FDP hat sich bewegt. "Glauben Sie etwa, wir wollten nur Kohle und Atom?", wird einem aus der Parteispitze entrüstet entgegengehalten, wenn es um das Thema Ökologie geht. Theoretisch bekennt man sich zum Klimaschutz, bloß freiwillig muss er sein, irgendwie naturwüchsig passieren. Die Diesel-Debatte hält die FDP für Hysterie – will aber schon, dass die Industrie für ihre Betrügereien blutet. Die Vorschläge lauten: Grenzwerte in den Städten herabsetzen, ÖPNV elektrisieren, Staat und Industrie entflechten und den Rest findigen Ingenieuren überlassen. Alles andere sei Planwirtschaft, Ideologie und Reglementierungswut. In Nordrhein-Westfalen, wo die FDP seit Mai mitregiert, hat sie viel Energie in den Abbau der Windkraft-Subventionen gesteckt. Die Förderung sei wettbewerbsverzerrend gewesen. "Haben Sie mal den Roman Unterleuten von Juli Zeh gelesen?", fragt der Europapolitiker Alexander Graf Lambsdorff. Da sei beschrieben, mit wie viel Korruption und Sittenverfall die Errichtung eines staatlich geförderten Windparks in einem brandenburgischen Dorf einhergehe.

In der Flüchtlings- und Integrationspolitik hat Christian Lindner die Kanzlerin als "illiberal" kritisiert. Der Verzicht auf Grenzkontrollen, mit dem sie Deutschland 2015 "ins Chaos" gestürzt habe, sei schlicht politischer Feigheit geschuldet gewesen. Lindner will die Ausweitung der sicheren Drittstaaten – für die Grünen ein Tabu – und die Versorgung von Flüchtlingen in Anrainerstaaten, also auch in Libyen. Über den Ton, den er in diesen Fragen angeschlagen hat, sagt der AfD-Vorsitzende in NRW, Marcus Pretzell, der früher selbst einmal bei den Liberalen war: "Lindner macht AfD light. Und das macht er gut. Es funktioniert allerdings nur, weil wir Fehler machen."

Dann wieder sind sich Grüne und FDP in der Substanz einig: Verfolgten soll geholfen werden. Die Einwanderungspolitik soll aktiver und kanadischer werden. Es sind am Ende vor allem die Grünen, die sich da bewegt haben, auch wenn das keiner von ihnen gerne laut sagt. Früher war für sie schon die Forderung, Zuwanderer sollten Deutsch lernen, eine Zumutung. Heute findet sich in ihrem Parteiprogramm der heftig umkämpfte Satz "Nicht jeder, der kommt, kann bleiben".

Schwieriger als in der Flüchtlingspolitik wird es, wenn es um Europa geht. Die FDP hat nichts gegen einen Austritt Griechenlands aus dem Euro und will Auffangstrukturen wie den ESM-Rettungsfonds auflösen. Die Grünen fürchten, das wäre der direkte Weg in den Untergang des Euro und in die Spaltung Europas. Sie werfen Lindner Verrat an den Ideen Genschers und Westerwelles vor – ein Novum. Die Grünen wollen stattdessen Investitionen, allerdings wollen auch sie sich nicht nachsagen lassen, "den Geldhahn aufzudrehen" und mit deutschen Steuergeldern griechische Renten zu finanzieren.

Dass Christian Lindner kürzlich gefordert hat, Putins Krim-Annexion als Faktum hinzunehmen, hat die Grünen empört. Lambsdorff hält die Aufregung für künstlich. "Das ist doch nichts als eine Beschreibung dessen, was die internationale Gemeinschaft ohnehin tut", sagt der Europapolitiker. Das ändere nichts an der Unterstützung für russische Menschenrechtler – um die er sich seit Jahren gemeinsam mit Grünen wie Marieluise Beck bemühe. Der Vorwurf der Grünen aber hat die Liberalen getroffen. Am Montagabend im Fernseh-Fünfkampf der kleinen Parteien duzte Linder den "künftigen Außenminister" Cem Özdemir und warf ihm vor, naiv gegenüber den Russen zu sein, wenn er auf Atomwaffen in Europa verzichten wolle.