Ich werde nie den Tag vergessen, an dem der Junge mich in die Schulter biss. Ich war selbst noch einer, vier Jahre alt, besuchte den Kindergarten und baute einen Turm aus Bauklötzchen. Da kam dieser Kerl, um mir meine Klötzchen wegzunehmen. Natürlich wollte ich erst fertig bauen, also redeten wir eine Weile. Dann begann er zu brüllen, und als ihm auch das nichts nützte, biss er mir in die linke Schulter. Ich habe ihm eine gescheuert.

Heulend rannte er zur Erzieherin, die daraufhin uns beide ausschimpfte: ihn, weil man nicht beißt, und mich, weil man nicht schlägt. Dass er angefangen hatte, war ihr egal.

An diesem Tag begann ich, über Gerechtigkeit nachzudenken. Ich habe gelernt, wie ein Streit entsteht, wann er heftiger wird und warum er manchmal in einer Prügelei endet. Heute weiß ich: Wir sollten mehr streiten. Streiten tut gut!

Ihr solltet euch nicht einreden lassen, Streiten sei falsch. Wer das behauptet, will bloß Ruhe – aber keinen Frieden. Probleme werden nicht dadurch gelöst, dass niemand darüber redet. Der Klügere gibt auch nicht immer nach (dann würden ja immer die Dummen gewinnen). Und außerdem wäre es ziemlich langweilig, wenn sich alle ständig einig wären. Fair sollte es natürlich trotzdem bleiben.

Mit etwas Übung könnt ihr richtig gute Streiter werden. Zuerst solltet ihr für euch herausfinden, was ihr erreichen wollt. Das kann ziemlich schwierig sein. Oft möchtet ihr vielleicht bloß ein seltsames Gefühl von Ungerechtigkeit loswerden. Ein guter Streiter aber überlegt sich genau, worauf es ihm ankommt.

Wer streitet, lernt, sich durchzusetzen und seine Meinung auch gegen Widerstand vorzubringen. Das hilft im Kindergarten und in der Schule ebenso wie in der Familie und später im Beruf. Wer streitet, lernt, mit Siegen und Niederlagen umzugehen. Er versteht, dass ein verlorener Streit nichts über ihn als Menschen aussagt. Er findet heraus, wann Kompromisse eine gute Lösung sind.

Richtig gute Streiter streiten nicht nur für sich, sondern auch für andere. Politiker tun das sogar beruflich. Sie streiten etwa darüber, ob man Autos mit Verbrennungsmotoren verbieten sollte. "Ja" sagen die einen, denn die Abgase verpesten die Luft. "Nein" die anderen, weil viele Menschen in den Autofabriken dann ihre Arbeit verlieren.

Streit hilft dabei, herauszufinden, was richtig und was falsch ist. Und Streiten macht schlagfertig. Solche Situationen kennt wohl jeder: Da geratet ihr an jemanden, der so gut und schnell redet, dass ihr gar nicht mehr wisst, was ihr sagen sollt. Aber wollen wir wetten, dass euch der passende Spruch zehn Minuten später einfällt? Tja, leider zu spät! Schneller kann nur werden, wer das Streiten übt.

Mit dem richtigen Training kann das viel Spaß machen. Denkt euch mit einem Freund einfach etwas aus, worüber ihr streiten wollt. Zum Beispiel, ob ihr heute lieber ins Kino oder ins Freibad geht. Der eine muss für das Kino werben, der andere für das Freibad. Dafür braucht ihr Argumente und Gegenargumente, und bald fühlt sich der Streit an wie ein sportlicher Wettkampf. Das ist wie bei einem Fußballturnier: Wer sich die richtige Taktik überlegt, hat gute Chancen auf den Sieg.

Als ich im Kindergarten gebissen wurde, war meine Taktik nicht gut genug. Das weiß ich heute – und auch, was damals falsch gelaufen ist. Nachdem mich die Erzieherin ebenfalls ausgeschimpft hatte (weil ich zurückgeschlagen habe), hätte ich sofort einen Streit mit ihr beginnen sollen. Und zwar so:

Als Erstes hätte ich argumentiert, dass es mir gar nicht um die Bauklötze, sondern um meine körperliche Unversehrtheit gegangen sei. Niemand hat Verständnis für jemanden, der Spielzeug mit Gewalt verteidigt. Tut derjenige dies aber aus Notwehr, weil Leib, Leben oder Gesundheit bedroht sind, sieht das ganz anders aus. Und, hey, der Typ hat mich gebissen!

Auf die Idee bin ich als Vierjähriger natürlich nicht gekommen. Aber so hätte ich den Streit mit der Erzieherin kontrollieren können. Vielleicht hätte sie zunächst komisch geguckt. Dann hätte ich gesagt, dass ich doch nur das mildeste Mittel gewählt habe. Ich habe dem Beißer nicht etwa ohne Vorwarnung eine runtergehauen, sondern es erst einmal mit Einwänden wie "Ich will erst fertig bauen" versucht. Auch sein Brüllen habe ich widerstandslos ertragen. Doch als er dann zubiss, konnte ich mich nicht anders wehren.

Eine gute Erzieherin hätte mich dann ermahnt: "Aber Marcus, du hättest mich rufen sollen!" Und genau damit wäre sie in eine Falle getappt. "Moment mal", hätte ich nämlich entgegnet, "es ist doch auch niemand gekommen, als der andere Typ rumgeschrien hat. Warum hätte ich annehmen sollen, dass plötzlich jemand auf mein Rufen hört?"

Solche Provokationen hören Erwachsene gar nicht gern, deswegen wäre die Erzieherin vermutlich pampig geworden: "Es gibt hier ja auch noch andere Kinder, und ich kann meine Augen nicht überall haben." – "Sehen Sie", hätte ich dann bloß noch sagen müssen: "Da reden die Erwachsenen ständig davon, Kinder zur Selbstständigkeit zu erziehen, aber wenn sie ihre Probleme selbst lösen, ist es auch wieder nicht recht." Damit hätte ich den Streit gewonnen.

Leider sind Erzieherinnen nur grundsätzlich nicht geneigt, sich auf lange Debatten mit Vierjährigen einzulassen. Aber auch das habe ich beim Streiten gelernt: Recht haben und recht bekommen sind zwei sehr verschiedene Dinge.