Eine der stärksten Stellen in Thomas Middelhoffs Buch ist die, in der er aus dem Krankenzimmer seines Gefängnisses berichtet. Da hockt er mit aufgeplatzten Fingern und angeschwollenen Füßen, und die Sanitäter haben ihm nicht viel mehr anzubieten als Creme und zwei Mülltüten, in die er seine Füße stecken soll.

Thomas Middelhoff? Ja, genau der: ehemaliger Vorstandschef des Medienkonzerns Bertelsmann, ehemaliger Aufsichtsrats-, dann Vorstandschef des Karstadt-Mutterkonzerns Arcandor, ehemaliger Bewohner einer Villa in Südfrankreich, ehemaliger Vielflieger und Sonnyboy der deutschen Wirtschaft. Damals, nachdem er 2004 als Retter des kriselnden Warenhauskonzerns angetreten war, lagen ihm fast alle zu Füßen.

Sein Abstieg ließ nicht lange auf sich warten. Ende 2014 wurde Middelhoff wegen Untreue und Steuerhinterziehung zu drei Jahren Haft verurteilt. Es ging um Privatreisen und eine Festschrift für einen seiner Förderer auf Kosten von Arcandor.

Über die Zeit hinter Gittern hat Middelhoff nun ein Buch geschrieben, das an diesem Donnerstag im Verlag LangenMüller erscheint. A115. Der Sturz heißt es, benannt nach der Nummer seiner Zelle in der Justizvollzugsanstalt Essen, in der er als Untersuchunghäftling fünf Monate lang einsaß.

Man kann das Buch gar nicht missverstehen, es ist eine Abrechnung: Erst hat die Justiz Thomas Middelhoff verurteilt, jetzt verurteilt Thomas Middelhoff die Justiz. Seine Urteilsbegründung umfasst 320 Seiten, ein Nachwort und 16 Farbfotos. Er zitiert Kafkas Prozess, die Bibel und den Theologen Dietrich Bonhoeffer, der von den Nationalsozialisten verhaftet, zum Tode verurteilt und 1945 hingerichtet wurde. Er habe erkannt, so schreibt Middelhoff, "dass sich viele Abläufe und Strukturen des Justizvollzugs in der NS-Zeit nur geringfügig von denen im modernen Vollzug unterscheiden".

Erschreckend lesen sich seine Ausführungen über den Umgang mit ihm, als er während der Haft an der seltenen Autoimmunkrankheit Chilblain-Lupus erkrankte.

Übertrieben wirken seine Vorwürfe gegenüber Banken, Richtern, Unternehmern, Medien und Politikern, die zu seinem Niedergang beigetragen hätten. Er nennt sie alle beim Namen, und es stehen sehr viele Namen in diesem Buch.

Und ja, ganz am Ende erkennt er auch Fehler an sich selbst. Immerhin.

Der Sturz beginnt am 14. November 2014 im Landgericht Essen. Direkt nach dem Urteil wird er verhaftet und in den Keller geführt. "Das trostlose Treppenhaus ist von fahlem Neonlicht beleuchtet: roher Putz, lose Drähte und offensichtlich jahrzehntealter Schmutz", schreibt er.

Welch ein Kontrast für einen Mann, der lange in einer Villa bei Saint-Tropez in Südfrankreich wohnte. Dort empfing er einmal einen Journalisten der Süddeutschen Zeitung, der in seinem Artikel schrieb: "Außer der Villa stehen auf dem weitläufigen Grundstück noch Häuser für Gäste und Personal, es gibt Pools, einen Tennisplatz, einen Pinienwald, Palmen, einen Hubschrauberlandeplatz." Dem Leben an der Côte d’Azur widmet Middelhoff in seinem Buch aber nur ein paar Zeilen – um zu kritisieren, dass man ihm als Dekadenz vorgeworfen habe, was bei anderen als Savoir-vivre gelte.