Mit nackten Füßen streift Peter Reimann durch die engen Gänge zwischen den Pflanzen in seinem Gewächshaus. Die grünen Äste überragen den 1,80 Meter großen Mann um einige Zentimeter. Mit den Händen streift er die Blätter, bleibt stehen, schaut, pflückt eine Frucht, reicht sie zum Probieren. Wo sein Gewächshaus steht und wie Reimann wirklich heißt, das darf nicht in der Zeitung stehen. Nicht, weil hier, am Rande einer deutschen Stadt, Marihuana wachsen würde. Nein, hier wachsen bloß Tomaten. Ganz besondere allerdings.

Der Hobbygärtner Peter Reimann begutachtet die Früchte, die der gläsernen Decke entgegenstreben und den Namen "Gelbe Stierhoden" tragen. Eine alte Tomatensorte, die es so nicht im Supermarkt gibt. Eine Frucht ist so groß, dass sie Reimanns ganze Hand ausfüllt.

Noch 150 andere, meist ungewöhnliche Sorten wachsen in seinem Gewächshaus: Es gibt hier gelbe, grüne, rote, orange, lila und gestreifte Tomaten. Reimann steckt sich eine in den Mund. "Ich habe heute noch nichts gefrühstückt", sagt er kauend. Seine Fingerspitzen sind braun, der klebrige Blütenstaub hat sich festgesetzt.

Wer nur die Tomaten aus deutschen Supermärkten kennt, staunt über so viel Geschmack. Reimanns Tomaten schmecken mal würzig-herb, mal süß-mehlig, mal säuerlich. Ihre Schale ist weich, manchmal so weich, dass die Frucht auf der Zunge zergeht.

Warum schmecken die Tomaten hier so viel besser als die aus dem Supermarkt? Oder anders gefragt: Warum schmecken die im Supermarkt häufig nach nichts? Das zumindest finden nicht nur ganz normale Konsumenten, sondern auch Experten. "Heute werden häufig Sorten verkauft, die alles Mögliche können, aber nicht schmecken", sagt Bernd Horneburg, der an der Universität Göttingen über ökologische Pflanzenzüchtung forscht.

Der Hobbygärtner Reimann verkauft seine Ernte nur unter der Hand. Würde er sie auf einem Markt oder sogar Rewe oder Edeka anbieten, beginge er eine Ordnungswidrigkeit. Er müsste vorher erst alle Sorten beim Bundessortenamt anmelden – so will es das Saatgutverkehrsgesetz. Reimann aber kann sich das nicht leisten, sagt er. Streng genommen dealt er also mit illegalem Gemüse. Kunden hat er trotzdem – wegen des guten Geschmacks.

Noch in den neunziger Jahren verkauften die meisten Supermärkte nur hellrote, wässrige Tomaten. Die waren so fad, dass sie im Volksmund "Wasserbomben" hießen. Heute gibt es Rispentomaten, Romatomaten und Cocktailtomaten, manchmal sogar in Grün und Gelb. Je nach Sorte sind im Supermarkt meist zwischen zwei und zehn Euro pro Kilogramm fällig.

So subjektiv Geschmack auch ist, mit denen aus Reimanns Anbau können die immer noch nicht mithalten: Sie sind sehr hart und schmecken vor allem gleich.

Die farbliche Vielfalt spiegelt sich in der Preisentwicklung, die das Bundeslandwirtschaftsministerium misst. Demnach kosten Tomaten heute im Schnitt doppelt so viel wie 2010. Zum Vergleich: Gemüse an sich ist insgesamt nur 17 Prozent teurer geworden.

Mit 26 Kilogramm im Jahr pro Verbraucher ist die Tomate das beliebteste Gemüse in Deutschland, abgesehen von Kartoffeln. Laut einer Studie des amerikanischen Tomatenforschers Harry Klee ist die Tomate das wirtschaftlich bedeutsamste Gemüse der Welt. Wie also kann es sein, dass der Handel trotzdem überwiegend Sorten verkauft, deren Geschmack zu wünschen übrig lässt?