Die Berliner Volksbühne ist ein Ort des unglücklichen Wandels. Nie wird sie mehr so sein, wie sie unter Frank Castorf war. Sie wird kein Theater mit unverwechselbarer Ästhetik und großem, markantem Ensemble mehr sein. Stattdessen wird sie eine "kulturelle Plattform" werden, welche "Theater, Tanz, Performance, Konzert, Kino, Bildende Kunst und Kulturen des Digitalen unter einer Dachmarke versammelt". Das steht im Berliner Haushaltsplan für das Jahr 2018/2019. Die Volksbühne wird nur wenige feste Darsteller und Regisseure und vielleicht gar keine Dramaturgen haben. Stattdessen wird sie intensiv mit anderen Häusern kooperieren, dafür braucht sie Marketingleute und "Kuratoren". Das lässt sich aus dem Stellenplan der Volksbühne erkennen.

Die neue Volksbühne wird aber auch nicht so werden, wie ihr Chef, Chris Dercon, sie will. Im Hangar 5 des Berliner Flughafens Tempelhof wollte er ein sagenhaftes Theater etablieren, das "Satellitentheater". Man hatte gehört, das sei eine Arena für 1.000 Menschen, bei schönem Wetter stehe sie im Freien, bei Sturm in der Halle – man könne sie bewegen wie einen gigantischen Thespiskarren. Das Satellitentheater ist eine Idee des großartigen Architekten Francis Kéré. Kürzlich nun stand Kéré im Hangar 5, wies auf eine Tribüne, die hinter ihm emporragte, und sagte, von seinem Entwurf existiere leider nur dieser Ausschnitt, "ein Stück aus der Torte". Die Torte selbst, "die gibt’s nicht".

Auch die Hoffnung, in Tempelhof dank Kéré einen permanenten Theaterbetrieb hinzubekommen, ist nun getrübt. Bis zum 6. Oktober wird hier noch gespielt, dann ist möglicherweise Schluss. Die hochfliegenden Pläne aus der Zeit des Kultursenators Tim Renner sind Makulatur. Der Berliner Haushalt sieht keine Mittel für ein Flughafentheater vor. Das hängt auch mit dem Stabwechsel in der örtlichen Kulturpolitik zusammen. So wurde das schönste Projekt der neuen Theaterleitung gleich zu Beginn auf das Format eines Torsos, eines Fragments heruntergebracht.

Berlin hat also, pünktlich zum Start der Saison, einen ersten Triumph im Abnutzungskrieg zwischen der "alten" und der "neuen" Volksbühne zu verzeichnen. Denn nun ist möglicherweise beides dahin: das Beste der alten und der neuen Volksbühne.