"Wir brauchen ein Populationsmanagement für den Kormoran." Preisfrage: Welche Partei fordert diese innovative Maßnahme in ihrem Wahlprogramm 2017? Falsch. Nach VeggieDay und überhaupt würden die Grünen ihren Wählern so etwas Radikales nie mehr zumuten. CDU und SPD sind an ökologischen Themen im Detail eher uninteressiert, bleibt also nur die Kuriositäten gegenüber äußerst aufgeschlossene, Dingsbums, also diese Rassistenpartei. Wieder falsch! Es ist die FDP, deren Programm sich ohnedies so liest, als hätten Christian Lindner und ein paar hoch motivierte Praktikanten, alle mit Dreitagebart, es ganz allein zusammengetextet: "So wie John F. Kennedy sein Land mit einer gewaltigen Kraftanstrengung auf den Mond führte, wollen wir Deutschland an die Spitze der Bildungsnationen dieser Welt zurückführen."

Auf FDP-Plakaten heißt es "Digital first, Bedenken second", damit man gleich weiß: Dies ist jetzt nicht mehr die alte FDP mit Bürgerrechten und Datenschutz. Die wurde ja auch rausgewählt aus dem Deutschen Bundestag, jetzt kommt sie wieder rein, mit Kormoran und digital. Vergleichbar kleinteilig und zum Teil bizarr lesen sich auch die Programme der anderen Parteien: "Wir reduzieren die Verschmutzung von Nord- und Ostsee durch Plastik, Fischereimüll und Nährstoffeinträge sowie durch Lärm" (SPD); "Wir wollen verhindern, dass Wolfsburg oder Stuttgart das Detroit von morgen werden" (Grüne). Und die Linke teilt mit, dass die "dringende Klima- und Energiewende" blockiert wird, "weil die Bundesregierung keinen Konflikt mit den wirtschaftlich Mächtigen eingehen will".

Gut, es ist vielleicht nicht fair, die Stilblüten herauszufischen. Dann kürze ich ab und liefere die Zusammenfassung meiner Wahlprogrammexegese: Ökomäßig stehen sich Linke, Grüne und SPD nahe, sozialpolitisch CDU und SPD, wirtschaftspolitisch CDU und SPD und Grüne, genderpolitisch sind sie alle ganz vorn, und vor allem sind sie alle: ganz und gar im Hier und Jetzt. Es heißt ja immer: "Die Welt ist aus den Fugen." In den Wahlprogrammen ist sie das aber keineswegs. Die lesen sich allesamt so, als wäre 1997, und wo mal von Problemen die Rede ist, sind das ausschließlich First-World-Problems. Zwischenzeitlich hat sich aber die Welt auf eine Weise verändert, dass ihr mit einem verbesserten Volkshochschulkursangebot allein wohl kaum beizukommen ist.

Als ich vor vier Jahren schon zum selben Befund kam und daraus in Form eines Essays den Schluss zog, erstmals nicht zu wählen, habe ich dafür massiv Kritik bekommen: Aus der Politik kamen viele Reaktionen, die sich vor allem darin ergingen, die Nichtwählergruppen einzuordnen, nämlich in zwei Kategorien: in sozial und mental abgehängte RTL-2-Zuschauer, die an Politik nicht interessiert seien, und – am anderen Ende des gesellschaftlichen Spektrums – in eine schnöselige Intellektuellenkaste, die mit den Politikangeboten der Parteien nichts anderes anzufangen wisse, als daran herumzunörgeln. Das Problem lag mithin nicht bei der Politik, sondern beim Publikum. Quod erat demonstrandum. In den Medien gab es eine Debatte, etwa über das mühsam erkämpfte Privileg, wählen zu dürfen, und darüber, ob demokratische Teilhabe sich darauf beschränke, eben alle vier Jahre ein Kreuzchen zu machen, oder ob Demokratie nicht vor allem in der Vitalität eines Gemeinwesens bestehe, in dem die Bürgerinnen und Bürger nicht passive Konsumenten von Politikangeboten sind, sondern die öffentlichen Angelegenheiten als ihre eigenen begreifen. Gute Punkte für das Wählen, immer noch gültig.

Übrigens hatte ich damals ausdrücklich geschrieben, dass ich mir nur unter der Voraussetzung das Nichtwählen gestatten würde, dass es nichts zu verhindern gelte, namentlich eine neurechte Partei, die grundsätzliche zivilisatorische Errungenschaften wie Gleichheits- und Gerechtigkeitsstandards, Freiheitsrechte oder gar die Demokratie selbst zur Disposition stellt.

Das ist heute anders, in dieser Hinsicht gilt mein damaliger Text nicht mehr. Man muss wählen gehen. Aber das Problem ist: Noch vor keiner Wahl habe ich so viele Gespräche mit Menschen geführt, die das wissen, aber deshalb noch lange nicht wissen, wen sie wählen sollen. Denn es ist ja nicht nur die Hohlheit der Plakate und das Stereotype der Reden, was einen fertigmacht, es ist vor allem die Absenz jeder Kontur von Unterscheidung, die zu jener kollektiven Depression führt, die sich in der Zahl ausdrückt, dass fast die Hälfte der Wahlbevölkerung noch unentschieden ist.

Dabei wird den Wahlkämpfern ja Thema um Thema auf den Gabentisch gelegt wie am Heiligen Abend, in Geschenkpapier mit Schleife. Die kriminelle Energie in den Autokonzernen beim Abgas- und Kartellbetrug ist der größte Skandal der deutschen Industriegeschichte – aber niemand macht ein Thema draus. Oder die Extremwetter dieses Sommers, die sehr wohl mit dem Klimawandel zu tun haben – niemand macht ein Thema draus. Oder die rasanten geopolitischen Entwicklungen, die zerbrechende internationale Sicherheitsarchitektur, die neuen Diktatoren und Autokraten – niemand macht was draus. Lieber erklärt der immer surrealer werdende Kandidat der SPD, in welchen Nuancen er etwas anders machen würde, wenn er statt der Kanzlerin Kanzler wäre, was er nicht wird, und lieber spielen die Talkshows Koalitionsbingo, als dass irgendjemand ein Thema aufgriffe, das relevant wäre. Für die nächsten vier Jahre. Und danach.