An einem verregneten Freitag im August lenkt Matthias Heider sein Auto durch die Straßen von Lüdenscheid. An der Seite spritzt das Wasser der Pfützen vom Vormittag hoch, von oben fällt der Regen des Nachmittages auf das Autodach. "Ich mache keinen Schönwetterwahlkampf", sagt Heider, Jurist und Direktkandidat der CDU in der 76.000-Einwohner-Stadt. Über ihm graut der Himmel.

Lüdenscheid, Heiders Heimatstadt, wird auch "Stadt des Lichts" genannt. Stadt des Lichts, diesen Namen hat sich Lüdenscheid im Sauerland selbst gegeben. Wegen der Lampen- und Leuchtenindustrie. Es gibt noch einen Spitznamen für die Stadt, er klingt nicht ganz so sympathisch: Regenscheid.

Keine Stadt in Deutschland hat so wenig Sonnenstunden wie Lüdenscheid, 14 484 in den vergangenen zehn Jahren. In Potsdam beispielsweise waren es im gleichen Zeitraum 3.905 Sonnenstunden mehr. Das heißt, meistens ist der Himmel in Lüdenscheid bewölkt, und wenn nicht, regnet es.

Das übliche Stadtbild vor einer bedeutenden Wahl ist geprägt von Politikern, die auf Marktplätzen, in Fußgängerzonen oder vor Einkaufszentren ihre Stände aufbauen und dann für ein paar Stunden versuchen, in Kontakt mit den Bürgern zu kommen, mit ihnen zu sprechen, Flyer zu verteilen, Kugelschreiber zu verschenken – und hoffen, auf diese Weise den ein oder anderen Passanten von sich und ihrer Partei überzeugen zu können. Um mit den Bürgern in Kontakt zu treten, müssten die aber erst mal kommen. In Lüdenscheid macht das bei dem Sauwetter allerdings kaum einer. Also kommt Heider zu ihnen.

Seine Strategie ist der aufsuchende Wahlkampf. Das bedeutet: zu jenen zu gehen, die nicht zufällig am Stand einer Partei vorbeikommen; denen man nicht auf Marktplätzen, in Fußgängerzonen oder vor Einkaufszentren mal so eben das Parteiprogramm in die Hand drücken kann. Und das sind in einer Stadt wie Lüdenscheid viele.

Heider kommt mit dem Auto und erklärt potenziellen Wählern beim gemütlichen Frühstück oder bei Kaffee und Kuchen die Vorzüge seiner Politik. Man kann ihn sozusagen mieten, ab sechs Personen, für 90 Minuten. Ein neues Format, von dem sich Heider viel erhofft. Weil er da direkt mit den Menschen reden könne, sagt er. Weil man unangenehme Themen und Kritik auch aushalten müsse. Weil Schönwetterwahlkampf in Lüdenscheid eben nicht geht. 30 bis 40 solcher Termine hat er noch bis zur Bundestagswahl. Bei den Schützenkönigen, der Wandergruppe, im Schrebergartenverein natürlich, aber auch bei Privatpersonen.

Lüdenscheid liegt im Sauerland

© ZEIT-Grafik

Heute steht der für ihn heikelste Termin auf dem Plan. Nicht so sehr wegen der Gruppe, die er trifft. Heute geht es zum Grillen. Heider bringt die Würstchen mit. Eigentlich, sagt er, wollte er ja zu den Schützenkönigen, aber weil die keinen Regenunterstand haben, grillt er nun beim Deutschen Roten Kreuz. Die haben einen Unterstand.

Wetter und Politik, irgendwie scheint das miteinander verknüpft. Zumindest sprachlich. Man spricht von einem Hoch und einem Tief, von Turbulenzen und Aufwind. Von stürmischen Zeiten und dem Schönwetterwahlkampf. Lange Zeit galt schlechtes Wetter, zumindest bei Wahlen, als CDU-Wetter. Kirchgänger ließen sich sonntags nämlich nicht vom Kirchgang abhalten – auch nicht bei Regen oder Hagel. Anschließend gingen sie wählen. CDU. Demnach hätten die Christdemokraten einen entscheidenden Vorteil bei miesem Wetter.

Für Lüdenscheid könnte da was dran sein. Bei der vergangenen Wahl holte Heider hier 51,7 Prozent, und die Region erzielte für die CDU das zweitbeste Ergebnis bei der Landtagswahl in NRW. Ist die CDU also eine Regenpartei?

"Nein", sagt Heider. "Wir sind im Sauerland so stark, weil vieles hier gut läuft." Er spricht über die starke Industrie, den Ausbau der A 45. Und natürlich ist da jetzt noch seine unkonventionelle Wahlkampftour in die Wohnzimmer von Lüdenscheid.

Heider hat mehrere Events im Angebot. Etwa das "Guten Morgen Sauerland"-Paket, bei dem Heider zum Frühstück kommt und Brötchen mitbringt, oder den Grillabend "Es geht um die Wurst", bei dem Heider die Leute mit Würstchen versorgt. Und es gibt den Kaffeeklatsch "Bitte mit Sahne".