Armes deutsches Würstchen – Seite 1

Eine seltsame Lähmung hat die Politik vor der Bundestagswahl befallen. Auch die Fernsehdebatte zwischen Angela Merkel und Martin Schulz – von einem Duell zu sprechen wäre reiner Hohn gewesen – hat den verbreiteten Eindruck bekräftigt, es gehe in dieser Wahl um nichts, jedenfalls um nichts, was zwischen den Volksparteien irgend strittig wäre. Die Sonne scheint. Nur von der AfD fällt noch ein schwerer schwarzer Schattenstrich auf die befriedete Landschaft. Tatsächlich geht es jedoch um viel – vielleicht um mehr, als von den etablierten Parteien bearbeitet werden kann. Ihre Politiker mögen Ruhe zeigen, aber das Land ist von einer Unruhe befallen, die bereits Züge von Paranoia und Panik trägt.

Die Orte, an denen sich die krankhafte Aufregung besichtigen lässt, sind die Nebenschauplätze von Sprache und Kultur. Schon um die Frage, ob die Kuppel der Berliner Stadtschlossrekonstruktion ein Kreuz tragen dürfe oder nicht, entbrannte ein Streit von seltsamer Giftigkeit. Darf der Staat ein christliches Symbol aus dem Fundus der Vergangenheit nehmen, oder vergreift er sich damit an der multireligiösen Gesellschaft, die ihn zu strikter Neutralität verpflichtet? Wenn aber das Kreuz nicht sein darf – werden dann nicht umgekehrt Geschichte und Identität Deutschlands verraten? Was verdient mehr Respekt: die eigene nationale Tradition oder die internationalisierte, von andersreligiösen Fremden mitbestimmte Gegenwart?

Die prekär gewordene Identität befeuerte auch den bislang seltsamsten Streit, der um eine Marginalie geführt wurde. In einem Interview, dem ungeahnte Hasswellen im Internet folgten, und in einem Beitrag für diese Zeitung erregte sich der CDU-Politiker Jens Spahn über hauptstädtische Cafés, in denen mit der Bedienung nur noch Englisch gesprochen werden könne – und von den Gästen auch bereitwillig gesprochen werde, in einer Art koketten Begeisterung fürs internationale Flair. Zeige sich nicht hier, so Spahn, schon die arrogante Dominanz einer kosmopolitischen Elite, die sich von allen nationalen Wurzeln entkoppelt hat? Der Grünen-Politiker Robert Habeck antwortete, es handele sich im Gegenteil um den Vorschein einer neuen jugendlichen Weltoffenheit, die von der deutschen Selbstfixierung erlöse, welche ohnehin nur noch für die Mülltonne der Geschichte tauge.

Englisch-Radebrechen mit ungelernten Saisonkräften in Berliner Szenelokalen als schwerwiegendes, sorgen- oder hoffnungsvoll zu deutendes Phänomen? Man reibt sich die Augen. Man versteht auch nicht besser – oder möchte vielleicht nicht verstehen –, warum die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, die türkischstämmige Hamburgerin Aydan Özoğuz, für ihre Äußerung, "eine spezifisch deutsche Kultur" sei "jenseits der Sprache schlicht nicht identifizierbar", so angefeindet wurde; und zwar nicht nur von dem AfD-Politiker Alexander Gauland, der sie gleich in Anatolien "entsorgen" wollte. Mag sein, dass sie irrt und eine spezifisch deutsche Kultur sich sehr wohl jenseits der Sprache identifizieren lässt – aber dann jedenfalls nicht ohne die Literatur und auch nicht schlicht, sondern nur mit großem definitorischen Aufwand und gewiss nicht von den Leuten, die sich an diese Kultur klammern, dabei aber wohl eher an Würstchen mit Kartoffelsalat denken. Integrationsentscheidend ist die deutsche Spezifik ohnehin nicht; es sind eher die allgemeinen Regeln des Rechtsstaates, des sozialen Umgangs, der Frauen und Andersgläubige gleichberechtigt einschließt – zivilisatorische Standards, die kein exklusiv deutscher Besitz sind.

Worum geht es also, jenseits von Unfug, Hass und Übertreibung? Es geht um Heimat und Heimatlosigkeit, vor allem um die in der eigenen Heimat empfundene Heimatlosigkeit, mit anderen Worten: um eskalierende Globalisierungsfurcht. Deutschland internationalisiert sich – willentlich durch seine Wirtschaft, unwillentlich durch Zuwanderung –, und diese Internationalisierung hat ihren Preis. Sie relativiert eigene Gewohnheiten, eigene Traditionen und, am bittersten, Gewicht und Bedeutung der Sprache. Für Junge, gut Ausgebildete – vor allem in global gefragten Disziplinen gut Ausgebildete – liegen darin große Chancen, unter anderem auch die Chance, den Lasten deutscher Identität zu entkommen und sich frisch und unbeschwert in der ganzen freien Welt zu tummeln. Für diese bedeutet ein Weniger an Identität, vor allem ein Weniger an deutscher Identität, keinen Grund zum Kummer, sondern eher ein Mehr an Lebensfreude und Entfaltungsmöglichkeiten.

Die Parteien können Widerstand gegen die Globalisierung nur simulieren

Für viele andere, weniger Junge, weniger Gebildete oder allzu speziell deutsch und alteuropäisch Gebildete, dämmert dagegen am Horizont der Abstieg in die Bedeutungslosigkeit, mindestens Arbeitslosigkeit. Sie werden mit ihrer deutschen Spezifik bald nichts mehr zu beißen, schon gar nichts zu lachen oder mitzureden haben. Für sie bedeutet die Internationalisierung ihrer Heimat eine Erfahrung ähnlich der, wie sie von Ostdeutschen nach der Wende gemacht wurde: dass sie sich mit einem Mal als Emigranten im eigenen, über Nacht radikal veränderten Land fühlen.

Es ist nicht zufällig, dass sich verwandte Formen panischer Verlust- und Verliererangst in vielen ehemaligen Ostblockstaaten finden; in Ungarn und Polen haben Panik und Paranoia inzwischen sogar die Regierung erobert. Die rückwärtsgewandten, auf Wiedergewinnung der Nation als Heimat gerichteten Bewegungen nennen sich nicht zufällig "identitär". Es sind auch keineswegs nur diese rechtsradikalen, halb faschistischen Gruppierungen, die von Begriff und Wert der Identität besessen sind. Es sind auch die Brexit-Anhänger, die in ihrem nostalgischen Griff nach der alten Souveränität vor allem die britische Identität im Blick haben, welche von allen kontinentaleuropäischen Verunreinigungen namens "Brüssel" gesäubert werden soll.

Sie alle eint der Wunsch, einen festen Pflock nationaler Kultur- und Traditionsgemeinschaft in den egalisierenden Treibsand der Globalisierung einzuschlagen. Auf eine dunkle, depressive Weise haben sie begriffen, dass gegen die Weltmarktkonkurrenz, die Arbeitsplätze daheim erodieren lässt und Flüchtlinge aus der Ferne anschwemmt, nichts auszurichten ist. Da wollen sie wenigstens kulturell ausschließen, was ökonomisch nicht in die Schranken zu weisen ist.

Zu den Vorläufern der Globalisierung gehört übrigens ebenso die Identitätsdebatte, die auf der linken Seite geführt wird – mit ähnlicher Wut, aber umgekehrtem Ziel. Auch hier gilt das Kreuz auf der Schlosskuppel als Identitätszeichen, aber nicht als unerwünscht religiöses, sondern als unerträglich nationales Hoheitszeichen. Und erst recht sollen die künftigen Inhalte des Schlossbaus, die ethnologischen Sammlungen, von dem Brandzeichen nationalen Kolonialbesitzes befreit und zu ihrer je eigenen, bisher unterdrückten Identität zurückgebracht werden. Diese neue Linke muss sich im politischen Parteienspektrum nicht abbilden, sie hat den Nebenschauplatz der Kultur zu ihrem Hauptkampfplatz gemacht. Dort stellt sie unter Verdacht, was in der Vergangenheit zum Traditionsbestand der Völker heranwuchs – es ist alles kolonialistisch, imperialistisch, chauvinistisch, sexistisch.

Warum? Weil die neue Linke in vielleicht kluger Vorahnung einer Zukunft, in der die Globalisierung die Nationen verschluckt hat, ein neues Identitätsangebot macht: Geschlechter, Hautfarben (jedenfalls die dunklen), vorkoloniale Herkünfte, Klassenzugehörigkeiten – ein ganzer Katalog ehemals unterdrückter Kollektividentitäten. Und tatsächlich sind diese geeignet, auch in der völlig globalisierten Welt zu bestehen. Ein Geschlecht, eine Hautfarbe, eine Herkunft hat schließlich jeder. Was einst der Kampf der Nationen um Lebensvorteile war, kann nun Geschlechterkampf, Rassen- und Klassenkampf werden; friedlich ist diese Welt nicht gedacht. Der Einzelmensch, der zum Nachteil seiner individuellen Entfaltung einstmals unter das Joch der Nationalidentität gezwungen wurde, bekommt seine neue Identität wiederum nach Kollektivmerkmalen verpasst. Es ist Kennzeichen jeder Revolution, dass sie die Strukturen der gestürzten Welt spiegelbildlich wiederholt.

Es ist aber auch klar, dass die überkommenen Parteien sich gegen die Umwälzungen im Zuge der Globalisierung nicht wehren können. Sie können nur, um dem Bürger etwas von seiner Panik zu nehmen, Widerstand simulieren – indem sie mit Angela Merkel Verzögerung versprechen oder mit Martin Schulz die sozialdemokratische Rhetorik der guten alten Zeit noch einmal bemühen, eine Geste, die genauso rührend retro ist, wie die AfD-Propaganda gewalttätig retro ist.

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