Wäre Politik Unterhaltung, käme das Team Merkel/Schulz nicht einmal in die Oscar-Vorauswahl für den "Besten Hauptdarsteller". Hier halten Trump, Putin, Kim und Erdoğan die Spitze. Die Shortlist zeigt, was sich das deutsche Publikum nicht wünschen sollte, obwohl die Medien sich über den schläfrigsten Wahlkampf aller Zeiten mokieren.

Von welcher Partei stammen diese Wahlplakate: "Für gute Arbeit und guten Lohn", "Endlich handeln", "Die Zukunft braucht neue Ideen", "Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben"? Das beste Poster wünscht einfach nur "schöne Ferien".

Was aber ist falsch an Langeweile – jedenfalls wenn die Alternative durch Trump und Kollegen verkörpert wird? Der legt die Axt an die 70 Jahre alte liberale Weltordnung. Putin geht auf Eroberungszüge und verfestigt seine Ein-Mann-Herrschaft. Kim probt den Atomkrieg. Erdoğan führt sein Land in die Diktatur. Das Drama Weimarer Republik war nicht zu toppen, endete aber in der Katastrophe.

Ein chinesischer Fluch lautet "Mögest du in interessanten Zeiten leben" – von Revolution, Bürgerkrieg, Armut und Unterdrückung. Preisen wir deshalb das Gähnen, zumal im Vergleich zu Deutschlands Nachbarn. Dieses Land genießt Vollbeschäftigung, solides Wachstum, inneren Frieden. Die Einkommensverteilung (laut Gini-Index) ist gerechter als in England, Frankreich oder Italien. Kein "Gerxit"-Riss geht durch das Land. Italien bleibt unregierbar, Frankreich ist der "europäische Patient".

Im Roten Himmel müsste Friedrich Engels zufrieden nicken. Ganz ohne Revolution wird hier sein Traum wahr: Die "Regierung über Menschen" weicht der "Verwaltung von Dingen" und der "Leitung von Produktionsprozessen". Die Ironie lädt zum Sarkasmus ein, aber dahinter verbirgt sich eine tiefere Wahrheit, die regelmäßig in der TV-Debatte Merkel – Schulz aufblitzte. Dieses Land hat seine "interessanten Zeiten" hinter sich. Die Frage ist nicht "Ich oder du?", sondern "Mehr oder weniger?". Es zählt das Wie und Wieviel, nicht das Was.

Just so haben Merkel und Schulz ihr braves Duell ausgefochten. Rente mit 67 oder 70? Wie zeigen wir’s dem Erdoğan, ohne andere Interessen (den Flüchtlingsdeal) zu verletzen? GroKo? Mal sehen. Migranten-Integration? Mehr in deren Bildung investieren, schnellere Asylverfahren. VW und Co. abstrafen? 850.000 Jobs hängen an der Autoindustrie. Europa und Umwelt sind Kosten-, keine Prinzipienfragen. Es geht um Wägen und Werten, um Stellschrauben, nicht Schneidbrenner. "Da sind wir einer Meinung" war das Motto der Debatte, und das Gros des TV-Volkes war es auch.

Nur am Rande versuchen Links und Rechts ihre Köder auszuwerfen. Doch die breite Mitte will nicht beißen – anders als in Frankreich, Holland oder gar Weimar. Wir leben nicht in einem neuen Biedermeier, sondern in einer Republik, deren Zivilreligion der Zentrismus ist. Die Hohepriesterin heißt Angela Merkel. Dieser Glaube ist freundlicher als der Religionskrieg in Mittelost, wo Langweile der GAG wäre, der größte anzunehmende Glücksfall.

Zufriedenheit in der Politik ist ein Segen, kein Spießertraum – zumal in einem Land, das im 20. Jahrhundert von den Extremen zerrieben wurde. Wer den Adrenalinspiegel hochpeitschen will, guckt House of Cards: drei Cliffhanger pro Episode, aber ohne Kater.