Der Geschäftsbericht der Hamburger Privatbank M.M. Warburg & Co. ist so dick wie ein Daumen, eingebunden in weißes, geriffeltes Papier. Er enthält Hunderte, wenn nicht Tausende von Zahlen. Die vermeintlich wichtigste findet sich gleich auf Seite 2, mittlere Spalte, ganz oben. Sie lautet: 29,7 Millionen Euro. Bilanzsprachlich handelt es sich bei dieser Zahl um das "Ergebnis vor Steuern", oder etwas schlichter ausgedrückt: So viel Geld hat Warburg im vergangenen Jahr verdient. Sagt die Bank jedenfalls.

Was aber passiert, wenn man sich die Mühe macht, das edel ummantelte Dokument komplett zu lesen? Dann findet man auf Seite 76, ganz unten, eine Passage, in der von einem Sonderertrag "im Zusammenhang mit der Veräußerung von Immobilien" die Rede ist – nach Recherchen der ZEIT gehört dazu auch die 1913 errichtete Zentrale der Bank in der Ferdinandstraße. Insgesamt geht es an dieser Stelle um 44,4 Millionen Euro. Die Zahl ist also größer als das "Ergebnis vor Steuern". Das lässt nur einen Rückschluss zu: Der Gewinn wurde gar nicht operativ erwirtschaftet, er stammt aus dem Immobilienerlös.

Noch interessanter wird es, wenn man nicht nur den Geschäftsbericht durchgeht, sondern sich auch die Passagen über die Warburg-Bank im Bundesanzeiger anschaut – das ist ein öffentliches Verzeichnis, in dem deutsche Unternehmen qua Gesetz ihren kompletten Jahresabschluss veröffentlichen müssen. Hier verbirgt sich ein weiterer explosiver Satz, einer, den die Bank im Geschäftsbericht, warum auch immer, ausgespart hat. Er lautet: "Im Berichtsjahr wurden Reserven nach § 340f in Höhe von 20,5 Millionen Euro aufgelöst."

Es ist nicht übertrieben, bei Warburg von einer globalen Dynastie zu sprechen

Auf die Frage, was das heiße, sagt ein erfahrener Hamburger Banker: "Die Bilanzposition § 340f müssen Sie sich wie eine eiserne Rücklage vorstellen. Da geht man eigentlich nicht freiwillig ran."

Es gibt noch drei weitere Auffälligkeiten: Im aktuellen Jahresabschluss wird erwähnt, dass es "erneut erhebliche Belastungen aus unseren Schiffskredit-Engagements" gegeben habe. Die Gesellschafter unterstützten die Bank im Jahr 2016 mit rund 53 Millionen Euro als sogenannter Kapitalerhöhung. Und bereits 2015 gab es seitens der Gesellschafter eine Art Gewinnzuschuss in Höhe von 16 Millionen Euro.

Was hat das alles zu bedeuten?

Das Geldinstitut, 1798 gegründet, hatte viele Jahrzehnte lang in Hamburg und in der Welt einen glänzenden Ruf. Es galt als seriöses hanseatisches Traditionshaus. Im vergangenen Jahr litt der Ruf ein erstes Mal. Die ZEIT und andere Medien berichteten, dass Warburg in sogenannte Cum-Ex-Deals verwickelt sei. Das sind verwinkelte Aktiengeschäfte, die dazu führen, dass der Fiskus die Kapitalertragsteuer nicht nur einmal, sondern mehrmals zurückerstattet. Die Bank weist die Vorwürfe als "unbegründet" zurück.

Das Renommee ist eine Sache. Das Geld ist eine andere – und im Zweifel die deutlich wichtigere. Wie schlecht steht es also um die Warburg-Bank?

In dieser Geschichte wird noch ein Mann auftreten, der den Händedruck eines Hufschmieds hat, was daran liegen mag, dass er zwar kein Hufschmied, aber Landwirt ist. Der Mann heißt Joachim Olearius, 46 Jahre alt. Die Landwirtschaft betreibt er als Hobby. Hauptberuflich ist er seit zwei Jahren Vorstandschef der Warburg-Bank. Er wird sagen: "Nein, Verluste machen wir definitiv keine. Unsere operativen Erträge sind konstant und erfreulich."

Erst einmal aber geht es um Kontinuität. Die ist ein Schlüsselbegriff bei diesem Finanzhaus. Es ist nicht übertrieben, bei Warburg von einer globalen Dynastie zu sprechen. Einer der Warburgs zählte zu den Urvätern der US-Notenbank, ein anderer zu den bedeutendsten Kunsthistorikern des 20. Jahrhunderts. Und in New York findet sich noch heute eine Investmentbank namens Warburg Pincus, gegründet von Eric Warburg, einem Neffen des Kunsthistorikers. Mit Erics Segelschiff Atalanta schipperte Helmut Schmidt 1979 über die Ostsee, um vor Danzig den damaligen polnischen KP-Chef Edward Gierek zu treffen. Aber selbst Eric ist nicht der berühmteste Warburg. Das ist wohl der in üppigen Biografien gefeierte Sir Siegmund George Warburg. Von London aus schuf er nach dem Zweiten Weltkrieg das Investmenthaus S.G. Warburg & Co., das 1995 in der heutigen Schweizer Großbank UBS aufging.

Die Warburgs waren nie nur Banker in dem Sinne, dass sie Kredite vergaben und aus den fälligen Zinsen ihre Gewinne schöpften. Sie verstanden sich immer als Umschlagplatz für jede Form von Kapital, im Auftrag ihrer Kunden, aber gerne auch auf eigene Rechnung: kaufen und verkaufen. Aus einem Unternehmen mehrere machen oder mehrere miteinander verschmelzen. Geduldig warten, bis ein Vermögenswert steigt, und dann verkaufen. Wobei derjenige, der diese Form des Finanzgeschäfts seit den achtziger Jahren verkörperte, gar kein Warburg ist, sondern Christian Olearius, Vater des freundlichen Mannes mit dem kräftigen Händedruck.

Das hat historische Gründe: Die Nationalsozialisten hatten der jüdischen Familie Warburg die Kontrolle über das Hamburger Stammhaus entrissen. Nach dem Krieg trat Eric Warburg zwar wieder in die Bank ein, aber nur als Minderheitsgesellschafter. Erst unter Erics Sohn Max baute die Familie ihre Anteile maßgeblich aus. Max Warburg leitete das operative Geschäft nicht selber, sondern holte Christian Olearius für diese Aufgabe. Der ehemalige Landesbanker führte das Institut zu alter Größe und profitierte neben Max Warburg selbst am meisten davon. Heute halten die beiden Familien jeweils rund 40 Prozent der Anteile an der Bank. Um die Bankgruppe herum errichteten Olearius und Warburg zusätzlich ein Imperium, zu dem unter anderem die Degussa Bank und eine der größten deutschen Immobiliengesellschaften, die HIH Real Estate, gehören.

Kann es sein, dass in diesem Geflecht nun ausgerechnet im Zentrum, also bei der Privatbank M.M. Warburg & Co., ein Problem entstanden ist?