So eindeutig wie an diesem denkwürdigen Abend des 28. September 1969 sehen die Prognosen nach einer Bundestagswahl selten aus. Die Hochrechnungen signalisieren, dass der amtierende Regierungschef, der Christdemokrat Kurt Georg Kiesinger, auch der künftige sein wird. Nur ob er dazu einen Partner benötigen oder gar die absolute Mehrheit erreichen wird, scheint noch fraglich. US-Präsident Richard Nixon spricht ihm bereits am Telefon seine Glückwünsche aus, während im Hauptquartier der Union die Sektkorken knallen. Doch dann kommt Willy Brandt.

Nach einer kaum noch für möglich gehaltenen Trendumkehr rückt unvermittelt der SPD-Vorsitzende in den Blickpunkt des Geschehens – am Ende erreicht die CDU 46,1 Prozent, die SPD 42,7, die FDP 5,8. Am meisten aber verblüfft, mit welcher Nonchalance Brandt das Heft in die Hand nimmt. Dass er den ersehnten Einzug ins Bonner Palais Schaumburg nur im Pakt mit den erheblich geschwächten Liberalen schaffen kann, stört ihn nicht – obwohl ihn Spitzengenossen wie Herbert Wehner oder Helmut Schmidt davor warnen. "Wir machen es", sagt er aufreizend gelassen.

Einen "innerparteilichen Staatsstreich" nennt später der Politikwissenschaftler Arnulf Baring den Coup jener Nacht – eine etwas überpointierte Metapher, aber im Kern sicher zutreffend. Bekräftigt sie doch einmal mehr, was Freunden des ersten "roten Regenten" der Bundesrepublik seit Jahr und Tag bekannt ist: Wenn es für den vermeintlichen Zauderer in der Sache oder aus Gründen persönlichen Interesses um etwas wirklich Wichtiges geht, fackelt er nicht lange.

"Begreife, dass ich Macht will", hatte Brandt bereits ausgangs der vierziger Jahre in Berlin seiner Lebensgefährtin Rut zugeraunt, um später als Bürgermeister der eingekesselten ehemaligen Hauptstadt eindrucksvoll seine Qualitäten zu beweisen. Dass ihm nach zwei vergeblichen Anläufen, Kanzler zu werden – 1961 gegen Konrad Adenauer und 1965 gegen Ludwig Erhard –, nun endlich die Richtlinienkompetenz im Bund übertragen wird, scheint ihn selbst am wenigsten zu überraschen.

Ausgeglichen und tatendurstig übernimmt er im Oktober 1969 sein Amt in Bonn. Seine rasch aufs Engste zusammenarbeitende sozialliberale Koalition bildet, wie sich damals die Süddeutsche Zeitung freut, die "vergnügteste Clique", die je am Rhein regiert habe. Der neue Kanzler verspricht zudem Erstaunliches: In sämtlichen gesellschaftlich relevanten Bereichen will er nahezu alles einer akribischen Überprüfung unterziehen und dabei prinzipiell "mehr Demokratie wagen".

Eine vollmundige Ankündigung, die konservative Kreise allein schon deshalb empört, weil sie von einem wie ihm stammt. Noch bis Mitte der sechziger Jahre verdächtigten sie den früheren Radikalsozialisten, der im "Dritten Reich" nach Norwegen geflüchtet war, um von außen die Nazi-Diktatur zu bekämpfen, des "Vaterlandsverrats" – und jetzt solche Töne! Für den anhaltend enttäuschten Kurt Georg Kiesinger und seine in die Opposition verbannte CDU ein Grund mehr, den aus ihrer Sicht rätselhaften Regierungswechsel wochenlang als "unrechtmäßig" zu diskreditieren.

Brandt schadet das nicht. Zwar gerät er als Verfechter "innerer Reformen" bald in die Defensive, entschädigt sein Wahlvolk aber mit anderen symbolträchtigen Auftritten, wie etwa dem ersten deutsch-deutschen Gipfeltreffen im März 1970 in Erfurt – die "Willy, Willy!"-Rufe gelten natürlich ihm, nicht dem DDR-Ministerpräsidenten Willi Stoph. Vor allem sein in den Rang einer Jahrhundertgeste erhobener Kniefall vor dem Ghettodenkmal in Warschau imponiert der Welt so sehr, dass ihm im Herbst 1971 der Friedensnobelpreis zugesprochen wird.

Wer verstehen will, wie der Visionär zum Macher der neuen Ostpolitik wurde, muss indes ein volles Jahrzehnt zurückblicken. Damals, unmittelbar nach dem Bau der Berliner Mauer, beschert ihm John F. Kennedy ein Schlüsselerlebnis: Als Brandt auf geharnischte Konsequenzen drängt, rät ihm der US-Präsident barsch, sich endlich selbst mit Lösungsvorschlägen einzubringen, statt quengelnd am Rockzipfel der amerikanischen Schutzmacht zu hängen. Für den zunächst schwer irritierten Bürgermeister ist dies, wie er später gesteht, eine "heilsame Lehre".

Gemeinsam mit seinem kongenialen Adlatus Egon Bahr entwickelt er nun unter dem Rubrum "Wandel durch Annäherung" seine Entspannungspolitik und legt im Schulterschluss mit seinem Außenminister Walter Scheel (FDP) ein atemraubendes Tempo vor. Keine vier Wochen benötigt die sozialliberale Koalition, um den vom rechten CDU-Flügel heftig befehdeten Atomwaffensperrvertrag zu unterzeichnen, der 1970 in Kraft tritt. Er wirkt wie ein Türöffner: Bis 1973 sind die sogenannten Ostverträge mit der Sowjetunion, Polen, der DDR und schließlich auch der Tschechoslowakei ausgehandelt, in denen sich die Vertragspartner zu wechselseitigem Gewaltverzicht verpflichten. Das Transitabkommen von Ende 1971 erleichtert den Reiseverkehr zwischen den beiden deutschen Staaten. Im Grundlagenvertrag verständigt man sich 1972 über "gutnachbarliche Beziehungen auf gleichberechtigter Basis".

Den Themenwust bei der Wiedervereinigung ausgenommen, stehen in der Bundesrepublik in keiner Phase so viele fundamentale Entscheidungen auf der Agenda. Wie nie zuvor gerät der um seinen Alleinvertretungsanspruch gebrachte Bonner Teilstaat aber auch in Aufruhr.