Unter den zahllosen, vermeintlich fatalen Zugeständnissen, mit denen die in Bipolarität erstarrte Nachkriegsordnung aufgetaut werden soll, empört das rechte Lager insbesondere die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als deutsche Ostgrenze. Von einem ehedem "internationalistischen Rotfrontkämpfer", erregen sich Politiker und Publizisten, sei Heimattreue wohl kaum zu erwarten, schon seine Biografie entlarve sein wahres Streben – nämlich den "Ausverkauf Deutschlands" zu betreiben.

Solche Tiraden begleiten Brandt von Anfang an. Adenauer titulierte ihn 1961 als einen "gewissen Herrn Frahm", eine Anspielung auf seine Herkunft: Der Sozialdemokrat ist der uneheliche Sohn der Lübecker Konsum-Verkäuferin Martha Frahm, Willy Brandt ein Nom de Guerre, den sich der junge Journalist in den dreißiger Jahren gab. Bei keinem anderen Kanzler spielen Person und Vita eine so große Rolle wie bei ihm. Kein zweiter wird derart schroff abgelehnt und diffamiert. Aber auch keiner so sehr umschwärmt.

Gegen die "Ewiggestrigen" bringt sich denn auch eine schnell wachsende Fangemeinde in Stellung, der es ihrerseits hauptsächlich um "Willy", den Menschen, geht – unter ihnen etliche Journalisten, die den unter Dauerbeschuss stehenden Regierungschef immer wieder in Schutz nehmen.

So erkennbar Brandt diese mediale Fürsorglichkeit behagt, so gut kann er sich im Ernstfall selbst mit aller Härte wehren. Als sich etwa im Frühling 1972 abzeichnet, dass sein Entspannungsprogramm Gefahr läuft, an einem von der Opposition seit Längerem vorbereiteten Misstrauensvotum zu scheitern, langt er kräftig zu: Versuche man, ihn und seine um Frieden bemühte SPD mit solchen Methoden aus der Macht zu kippen, droht er dem christdemokratischen Herausforderer Rainer Barzel, werde "geholzt bis zur letzten Konsequenz [...], dann mobilisieren wir die Betriebe".

Zwar muss er am Ende nicht auf die Hilfe der "Straße" zurückgreifen – die Union kommt über ein Patt nicht hinaus –, doch zu welcher Kaltschnäuzigkeit er fähig ist, zeigt sich im darauffolgenden Jahr: Da wird enthüllt, dass ihn lediglich ein von seiner Partei und der Stasi organisierter Stimmenkauf vor dem Sturz gerettet hat. Ein ziemlich unappetitlicher Deal, den die Drahtzieher in Bonn und Ost-Berlin höchstwahrscheinlich ohne sein Wissen eingefädelt haben, aber im Nachhinein regt ihn der "Vorgang" auch nicht sonderlich auf. Er sei sich "einigermaßen im Klaren darüber gewesen, dass die anderen das ebenso machen", diktiert der Regierungschef den erstaunten Reportern in die Notizblöcke, um dann Name für Name die von der Opposition geköderten Überläufer aus der SPD-Fraktion dagegenzuhalten. Außerdem sei "die Sache" einfach zu bedeutend: Wäre ja noch schöner, ein inzwischen weltweit belobigtes Versöhnungswerk im heimischen Parlament unter die Räder kommen zu lassen!

Solcher Machiavellismus ist Brandt, sofern es Zwecke und Ziele gebieten, alles andere als fremd. Und welche "Sache" wohl sollte ihm wichtiger sein als die immer noch stark gefährdete Ostpolitik?

Eine Herzensangelegenheit war sie auch in anderer Hinsicht: Mit außerordentlichem Einfühlungsvermögen hat sich der Pragmatiker Brandt als erster namhafter Staatsmann des Westens in die verharschten Denkstrukturen der jeweiligen Verhandlungspartner hinter dem Eisernen Vorhang hineinzuversetzen vermocht und sie dann peu à peu aufgeweicht. Dies ist fraglos sein größtes Verdienst.

Im Herbst 1972 erreicht Brandt den Gipfel seiner Macht: Nach dem knapp abgewehrten Misstrauensvotum vom April 1972 und den Übertritten einiger SPD- und FDP-Abgeordneter zur Union hat seine sozialliberale Koalition ihre Mehrheit eingebüßt, sodass Neuwahlen unvermeidlich sind. Dazu stellt er mit einer absichtlich verlorenen Vertrauensfrage die Weichen und entwickelt dann, wie selbst sein Rivale und Nachfolger Helmut Schmidt später einräumt, "eine phänomenale Ausstrahlungskraft auf Massen". Am Ende seiner betont emotionsgeladenen Kampagne, während der in allen Schichten beheimatete "Bürger für Brandt" ihre Gesinnung stolz als Button am Revers tragen, werden die Sozialdemokraten zum ersten und einzigen Mal im Deutschen Bundestag stärkste Fraktion.

An jenem Abend des 19. November 1972 gilt der Kanzler, der in den Worten des Parteienforschers Franz Walter für seine Anhänger "zu einer Art säkularisiertem Heiland" aufsteigt, als praktisch unverwundbar. Doch schon kurz darauf stolpert der gefeierte Völkerverbrüderer von einer Krise in die andere. Nach seinem stillen Abgang im Mai 1974 findet er als SPD-Chef und als Vorsitzender der Sozialistischen Internationale erst allmählich zur früheren Form zurück.

Wie kommt es zu diesem Absturz? Er selbst hält eine bereits am Morgen nach seinem rauschenden Wahlsieg vorgenommene und von erheblicher Krebsangst begleitete Kehlkopfoperation für den entscheidenden Grund. Der Eingriff verurteilt ihn, während seine ehrgeizigen Konkurrenten Schmidt und Wehner das neue Kabinett eigenmächtig in ihrem Sinne umbilden, zu wochenlanger Untätigkeit. Noch dazu verbieten ihm die Ärzte das Rauchen. Unter dem Entzug, behauptet der Rekonvaleszent, habe er "wie ein Hund gelitten" und die "unbegreiflich illoyalen Alleingänge" seiner Parteigenossen konfliktscheu auf sich beruhen lassen.