In seiner Banalität mutet dieses Eingeständnis fast lächerlich an, doch ist es durchaus glaubhaft. Schließlich plagen den von Jugend an nikotinsüchtigen Genussmenschen immer wieder schwere Stimmungsschwankungen, die ihn zeitweise sogar ans Bett fesseln. Ihm häufig nachgesagte Depressionen muss der später von seiner dritten Ehefrau Brigitte Seebacher als "Melancholiker und Mystiker" beschriebene Willy Brandt deshalb nicht unbedingt gehabt haben, doch die "vertrackte Psyche" macht ihm zu schaffen.

Und ersichtlich noch mehr das politische Tagesgeschäft. Nachdem mit dem Abschluss des Grundlagenvertrages die Herkulesarbeit seiner Amtszeit erledigt ist, fehlen dem Kanzler die großen Themen. Die gibt es zwar in Hülle und Fülle, aber für das, was ihm im Lauf des Jahres 1973 etwa die steigende Inflation oder wilde Streiks und in Sonderheit im Herbst der erste Ölpreisschock abverlangen, hat Brandt, wie selbst sein Intimus Horst Ehmke bedauert, "leider nicht so das Händchen".

Lieber, als sich mit Fluglotsen oder Müllwerkern anzulegen, nimmt er zerknirscht in Kauf, dass ihm vom mächtigen ÖTV-Boss Heinz Kluncker eine zweistellige Tariferhöhung diktiert wird, und ähnlich kleinlaut sieht er in der SPD dem Aufbegehren des linken Flügels zu. Da überrascht es kaum, dass es in der obersten Etage seiner Partei, in der berühmten "Troika", die Brandt mit Schmidt und Wehner bildet, mächtig knirscht. Schmidt wirft dem Regierungschef vor, er lasse "die Zügel schleifen", und Wehner treibt seine Kritik bis zum Eklat: Auf Dienstreise in Moskau denunziert er die "Nummer eins" als "abgeschlafft" und "entrückt".

Einen Augenblick lang denkt Brandt über das Äußerste nach – "er oder ich" –, aber dann verzichtet er auf das finale Duell. Er hat Angst, dem allseits verehrten Fraktionsvorsitzenden in einer Kampfabstimmung zu unterliegen; womöglich keine ganz falsche Einschätzung. Auch ist ihm nicht entgangen, dass seine früher zu Recht gepriesenen Eigenschaften – vor allem die Fähigkeit zur Empathie oder das bewundernswerte Geschick, unüberwindlich erscheinende Gegensätze zu versöhnen – neuerdings als Zeichen mangelnder Entschlusskraft wahrgenommen werden. "Willy Wolke", wie man ihn jetzt bisweilen despektierlich nennt, hat seinen Zenit überschritten. Und wenn er im Mai 1974 seine Demission auch nicht gerade herbeisehnt, so ist er innerlich dazu doch längst bereit. Egal ob ihm ein zweitklassiger DDR-Spion namens Günter Guillaume mit seinen Berichten aus der Regierungszentrale den Anlass liefert oder obskure "Weibergeschichten" ihn angeblich erpressbar machen – der wahre Grund für seinen Rücktritt ist der ihm unerträgliche Vertrauensschwund.

So endet eine der kürzeren Kanzlerkarrieren der Bundesrepublik ziemlich kläglich. Aufs Ganze gesehen aber bleibt sie eine eindrucksvolle Erfolgsgeschichte. Das Land politisch entscheidend zu modernisieren, es aus der Selbstfesselung zu befreien und dabei den Zusammenhalt der Nation nie aus dem Blick zu verlieren ist stets Willy Brandts Ziel gewesen, und das hat er erreicht. Müßig, darüber zu streiten, ob seine Entspannungspolitik den realsozialistischen Herrschaftsanspruch unnötig stabilisierte und die deutsche Wiedervereinigung womöglich verschleppte. Letztlich gebührt auch ihm der Ehrentitel "Kanzler der Einheit". 1989/90, als der mittlerweile 77-jährige Elder Statesman sich noch einmal krummlegte, um zum Gelingen des großen Werks beizutragen, wusste dies niemand besser als Helmut Kohl.