Die Musikkapelle ist gerade bei Ich war noch niemals in New York angelangt, als Wolfgang Schäuble auf die Bühne kommt. Draußen geht ein herrlicher Sommertag zu Ende, die letzten Sonnenstrahlen tauchen den Festsaal des Bürgerhauses von Fronhausen in ein weiches Licht. Es gibt Bier, Wasser und Saft für einen Euro. Die Männer und Frauen in den Stuhlreihen tragen feine Kleidung, die Kinder sind ordentlich frisiert, und sogar die Polizisten am Eingang lächeln freundlich.

Es ist der 24. August, in genau einem Monat wird ein neuer Bundestag gewählt, und deshalb ist Wolfgang Schäuble hier in der oberhessischen Provinz. Fronhausen, 2.000 Einwohner, ein Rewe-Markt, eine Grundschule, eine Kirche aus dem 12. Jahrhundert, ist seine zweite Station an diesem Tag. Am Nachmittag hat er sich ein paar Ortschaften weiter östlich im Foyer einer Sparkasse den Fragen der Wähler gestellt. In den Tagen darauf geht es weiter: Elztal, Heringsdorf, Hattingen, Heek, Böblingen.

Die Wahlkampfleitung der CDU hat diese Tingeltour organisiert. Weil es Schäuble immer noch Freude bereitet, durch die Dörfer zu ziehen – vor allem aber weil sie sonst niemanden haben wie ihn: Schäuble ist der beliebteste Minister im Kabinett, er ist der dienstälteste Abgeordnete im Bundestag und der am längsten amtierende Finanzminister in der EU. Er hat den Einheitsvertrag ausgehandelt, er hat als Innenminister einen Dialog mit dem Islam ins Leben gerufen und das Land durch die Euro-Krise manövriert – und das nach Meinung der meisten Deutschen alles in allem ganz ordentlich, auch wenn man das in Griechenland oder Italien anders sieht.

Seit Jahrzehnten also bewegt sich dieser Wolfgang Schäuble im Zentrum der deutschen Politik, doch ausgerechnet auf dem Zenit seines Ansehens könnte er ohne Amt dastehen. Und das nicht, weil man in der Union seiner überdrüssig wäre, sondern als Ergebnis einer Verkettung unglücklicher Umstände.

Das erste Glied in dieser Kette ist das Bundesministerium der Finanzen, in dem man sich längst nicht mehr damit zufriedengibt, die Einnahmen des Staates zu verwalten. Ob bei der Reform der Währungsunion oder beim Kampf gegen die Armut in Afrika: Immer stehen Schäubles Leute an vorderster Front, während der Chef um die Welt jettet und Reden über die Zukunft des Westens hält.

Weil er nicht selber Kanzler geworden ist, hat Schäuble aus dem Finanzministerium ein Ersatzkanzleramt gemacht. Das hat ihm den Vorwurf eingebracht, sich zu viel um die Welt zu kümmern und zu wenig um Deutschland. Schäuble kann damit jedoch ganz gut leben, weil er die Zukunft des Westens schlicht für ein relevanteres Thema hält als etwa die Abschaffung des Solidaritätszuschlags.

In der SPD jedenfalls sieht man es mittlerweile als Fehler an, sich nach der letzten Wahl nicht das Finanzministerium gegriffen zu haben. Und auch die beiden anderen potenziellen Koalitionspartner der Union – die Grünen und die Freien Demokraten – wissen genau, welche Trophäe sie da vor sich haben. Das gilt umso mehr, als die öffentlichen Kassen wegen der guten Konjunktur gefüllt sind und jede Menge Geld verteilt werden kann.

Schäubles Problem: Wenn er nicht Finanzminister werden kann, dann kann er in Deutschland eigentlich gar nichts mehr werden. Innenminister war er schon, das Wirtschaftsministerium interessiert ihn nicht, und das Außenamt wäre für ihn zwar inhaltlich reizvoll, aber mit einem Verlust an Macht und Einfluss verbunden, den er nur schwer akzeptieren könnte. Und dass Schäuble wie vor ihm Peer Steinbrück ein paar Jahre als einfacher Abgeordneter im Bundestag dranhängt und seine Memoiren schreibt, kann man sich bei ihm nicht vorstellen. Es ist also denkbar, dass seine lange politische Karriere nach der Wahl auf einmal zu Ende ist.

Schäuble hat lange überlegt, ob er überhaupt noch einmal für den Bundestag antreten soll. Er wird nächste Woche 75 und ist nun schon seit fast dreißig Jahren auf den Rollstuhl angewiesen, weil ihn im Oktober 1990 ein Verrückter auf einer Wahlkampfveranstaltung niedergeschossen hatte. Als er im Herbst 2009 Finanzminister wurde, hätte ihn die Verletzung fast besiegt. Eine Wunde wollte nicht heilen, und er musste für viele Wochen ins Krankenhaus. Damals wurde in der Unionsfraktion schon über mögliche Nachfolger spekuliert. Aber Schäuble ist nicht zurückgetreten, sondern zurückgekehrt.

An diesem Augusttag in Fronhausen erinnert nichts an diese dunkle Zeit. Schäuble hat den Sommer wie immer mit seiner Frau auf Sylt verbracht, das Wetter hätte besser sein können, aber sie waren jeden Tag draußen. Er wirkt frisch, erholt, bereit für die nächste Runde. In deren Zentrum soll Europa stehen. Wolfgang Schäuble ist davon überzeugt, dass die Wahl von Emmanuel Macron zum französischen Präsidenten die Chance eröffnet, die europäische Idee mit neuem Leben zu füllen – und der Einigung des Kontinents gilt Schäubles Leidenschaft.