Michael Frisch klingt nicht wie ein Scharfmacher. Der Mann mit dem grauen Schnauzbart ist konservativ, sehr konservativ vielleicht, und er kämpft dafür, dass Meinungen wie die seine in den Kirchen einen Platz behalten: "Ich bin überzeugt, dass es mehr Schnittmengen mit uns gibt, als wir heute sehen." Frisch ist Katholik. Er war lange CDU-Mitglied, seit 2014 führt er die Fraktion der AfD in seiner Heimatstadt Trier, außerdem sitzt er für die Partei im rheinland-pfälzischen Landtag. Nun hat er ein Kirchenpolitisches Manifest vorgelegt. Es ist eine für AfD-Verhältnisse fast unterwürfige Bitte an die Kirchen, mit der AfD zu sprechen. Es ist das Dokument einer verschmähten Liebe, deren Partner weder miteinander auskommen noch voneinander loskommen. Offenbar sind die deutschnationale Partei und die deutschen Kirchen gefangen in einer agonalen Beziehung.

"Christen in der AfD verdienen den gleichen Respekt für ihre Gewissensentscheidung und ihr Engagement wie alle anderen Akteure des politischen Spektrums auch", steht im Manifest. Es fordert, dass die christlich-abendländische Kultur bewahrt werden müsse, die durch Zuwanderer und den Islam bedroht sei. Und dass es der demokratischen Vielfalt entspreche, wenn die AfD die Probleme anders sehe als die etablierten Parteien. Wenn Frisch redet, klingen seine Sätze entschieden, ein bisschen ungeduldig, fast im Stakkato, Schlag auf Schlag. Er ist die politische Auseinandersetzung gewohnt.

Die Kirchen tun sich schwer mit Leuten wie Frisch. Denn die AfD wendet das Christentum gegen Flüchtlinge und Ausländer, also gegen die Schwächsten, für die Christen eigentlich eine besondere Verantwortung fühlen müssen. 82 Prozent der AfD-Sympathisanten haben Angst vor Zuwanderung. Die AfD wertet den Islam ab und hetzt gegen Muslime. Sie propagiert kulturelle Reinheit und geriert sich antidemokratisch: So sprach der Dresdner Richter Jens Maier, der für die AfD in den Bundestag einziehen will, vom deutschen "Schuldkult", und der Berliner AfD-Vorsitzende Georg Pazderski behauptete, wichtiger als politische Argumente seien Provokationen.

Solche Positionen scheint Frischs Manifest zu ignorieren. Es verteidigt sie aber indirekt, nämlich mit der Behauptung, die Vorwürfe der Kirchen gegen die AfD "orientieren sich eher an verbreiteten medialen Klischees und der Polemik politischer Mitbewerber als an einer sachlich fundierten Auseinandersetzung mit der Programmatik der Partei". Auf das Programm berufen sich AfD-Vertreter immer gern, wenn sie rechtspopulistische Äußerungen ihrer Parteigenossen erklären sollen. Dem halten die Kirchen zu Recht entgegen: Entscheidend ist auch, was Parteimitglieder sagen. So gestand der AfD-Mitbegründer Konrad Adam in der FAZ ein, sowohl seine Parteispitze als auch die skandalträchtige Landtagsfraktion in Sachsen-Anhalt habe ein gebrochenes Verhältnis zur Demokratie: "Ich frage mich, ob das noch die Partei ist, die ich gewollt habe." Frisch allerdings scheint mit der AfD im Reinen. Sie vertrete am ehesten von allen Parteien christliche Positionen!

Wenn das christlich ist, wie damit umgehen? Der Katholikentag hatte im vergangenen Jahr keine AfD-Vertreter auf seinen Podien zugelassen. Der Evangelische Kirchentag dagegen diskutierte im Mai in Berlin mit Anette Schultner, der Vorsitzenden der "Christen in der AfD" – die sich ChrAfD abkürzen und "Kraft" sprechen. Schultner wurde vom Berliner Bischof Markus Dröge und von der Publizistin Liane Bednarz auf offener Bühne demontiert. Nicht so leicht hatte es Präses Manfred Rekowski, der Leiter der Evangelischen Kirche im Rheinland, als er auf die Bundessprecherin Frauke Petry traf. Die ehemalige Pfarrfrau gab mit rhetorischem Geschick die starke Christin.

Wie stark die Christen in der AfD sind, weiß keiner. Zu ChrAfD sollen nur etwa 130 Leute gehören. Frisch unterteilt die Gesamtpartei so: ein Drittel Agnostiker und Atheisten (besonders im Osten), ein Drittel Kulturchristen, ein Drittel überzeugte konservative Christen aus der Mitte der beiden großen Kirchen. – Wenn das stimmt, müssten sich die Kirchen fragen, warum besonders fromme und treue Mitglieder nach rechts abwandern. Vielleicht wollen die Kirchen es aber lieber nicht wissen.

In den letzten Wochen, als viele Bundestagskandidaten sich in deutschen Kirchengemeinden vorstellten, wurde die AfD meist nicht eingeladen. Offizielle Begründung: Die AfD vergifte mit ihrer Polemik jede Debatte. Heimliche Angst: Die Populisten seien besser geschult. Tatsächlich fürchten die Kirchen die AfD wie ein schlechter Prediger, der Angst hat, dass ihm jemand in die wohlgesetzte Rede fällt. Gern analysieren und kritisieren sie die AfD von fern – scheuen jedoch den Kontakt.