ZEIT: In welchem Spannungsfeld stehen Ihre Verknüpfungen mit dem riesigen Gefäß des Internets?

Kluge: So viel Partizipation an einer Öffentlichkeit hat es vorher nicht gegeben. Gleichzeitig ist klar, dass dieses Gefüge nach Algorithmen geordnet wird – die unsere Welt prägen, ohne dass wir es richtig merken. Indem sie unsere Libido an sich ziehen und damit ein Stück unseres Lebens verwerten. Man könnte sagen: Warum sollen sie nicht verwerten? Der Punkt ist aber der, dass sie damit gestalten. Und uns damit in eine Wirklichkeit versetzen, die wir nicht bestimmen. Nun gilt es, automatisch den Gegenalgorithmus zu bilden. Nichts anderes mache ich. Ich erzähle die Gegengeschichte zu einem Faktum. Und die muss außerdem so funktionieren, dass es Ihnen Spaß macht, sie zu hören.

ZEIT: Ist es nicht so, dass der Kapitalismus schon immer selbst die Gegengeschichten erzählt?

Kluge: Wir sind in der Tat auch dann kapitalistisch geprägt, wenn wir meinen, es nicht zu sein. Gleichzeitig aber gibt es einen Unterschied zwischen den verschiedenen Kapitalismen. Ein Kapitalismus, der sich mit den Nationalsozialisten zur Zwangstauschgesellschaft verbindet, ist ein Terror ganz eigener Art.

ZEIT: Könnte man sagen, dass Sie in Ihrer Kunst immer noch mit dem Urknall der Bombe beschäftigt sind, die Ihr Elternhaus zerstört hat? Dass Sie die Splitter zusammentragen?

Kluge: Das stimmt. Es geht mir um den Versuch, mit anderen zusammen und mit allen Mitteln der Kunst, der Musik, der Philosophie, der Soziologie an einer Erneuerung von Walter Benjamins Passagenwerk zu arbeiten. Es geht um die Frage, wie man mit den Erfahrungen des 21. Jahrhunderts das 20. Jahrhundert so beschreiben kann, dass wir überhaupt Boden unter den Füßen haben, für die Gesellschaft, in der wir leben.

ZEIT: Mit anderen zusammen, warum ist das wichtig?

Kluge: Weil ich die Splitter ja nicht allein und linear zusammenfüge, sondern weil noch etwas anderes oder ein anderer hinzukommen muss. Fassbinder, Moholy-Nagy, Anselm Kiefer, Kerstin Brätsch. Ich liebe es, mit den Augen der anderen zu sehen, zu filmen.

ZEIT: Den Dialog haben Sie in Ihrer Arbeit immer auch durch Interviews geführt. Gab es Gesprächspartner, vor denen Sie sich gefürchtet haben?

Kluge: Nein. Aber so ein Pressegespräch wie dieses erschüttert mich schon sehr. Wenn ich mir vorstelle, dass Sie ein Blatt vertreten, das vielleicht eine Million Leute auf bestimmte Pfade holt, das ist schon eine Reichsstraße erster Ordnung. Dann habe ich kommunikativ ein Problem, weil ich so nicht denke.

ZEIT: Sie haben mal einen Kurzfilm als Gespräch mit Jean-Luc Godard gedreht: Blinde Liebe. Da fragen Sie ihn: "Was käme dabei heraus, wenn man Sie aufschneiden würde? Ein Kind?" Und Godard antwortet: "Ein altes Kind." Was käme bei Ihnen heraus?

Kluge: Ein Sechsjähriger. Ein Dreizehnjähriger. Der Dreizehnjährige war ich 1945. Aber nach dem Bombenangriff war ich nicht mehr dasselbe Kind.

ZEIT: Und wieso der Sechsjährige?

Kluge: Ich hatte mich erstmals an meine Schwester gewöhnt. Sie, fünf Jahre jünger als ich, hatte mich ja entthront. Das habe ich ihr nicht gleich verziehen, aber nach einem Jahr hat sich das umgekehrt. Diese Kinder und Personen, diese Altersphasen und meine Schwester sind alle in mir drin. So wie in Godard. Wir sind wie russische Babuschka-Puppen.