Es gibt zwei verschiedene Geschichten von Alice Weidel. In der einen ist sie die Gemäßigte in der Führungsriege der AfD; eine wirtschaftsliberale, international gut vernetzte Businessfrau, die im Oktober 2013 in die Partei eintrat. Damals war noch der Kampf gegen den Euro das wichtigste Thema der AfD. Zu dieser Version passt Weidels Regenbogenfamilie in Biel. Wenn eine Frau mit einer anderen Frau in eingetragener Lebenspartnerschaft lebt und sich mit Künstlern und Intellektuellen umgibt, kann man sie schwerlich für rassistisch oder homophob halten.

Die zweite Version wurde scheinbar erst in diesem Wahlkampf geboren – als Weidel begann, gegen Ausländer zu hetzen, Angela Merkel vor Gericht stellen wollte und vom deutschen "Schuldkult" sprach. In dieser Variante ist Weidel nicht die Gemäßigte, deren Parteifreunde sich immer weiter radikalisieren. In dieser Variante hat sie selber sehr radikale Ansichten – die sie bislang offenbar immer nur gut verbarg, jedenfalls vor ihren Freunden in Biel. Für diese Radikalität spricht eine am vergangenen Sonntag aufgetauchte Mail, die viereinhalb Jahre alt sein soll und deren Inhalt befremdlicher ist als alles, was man bislang von Alice Weidel kannte.

"Der Grund, warum wir von kulturfremden Voelkern wie Arabern, Sinti und Roma etc ueberschwemmt werden, ist die systematische Zerstoerung der buergerlichen Gesellschaft als moegliches Gegengewicht von Verfassungsfeinden, von denen wir regiert werden", steht in der Mail, die die Welt am Sonntag veröffentlichte. "Diese Schweine sind nichts anderes als Marionetten der Siegermaechte des Zweiten Weltkriegs und haben die Aufgabe, das dt Volk klein zu halten indem molekulare Buergerkriege in den Ballungszentren durch Ueberfremdung induziert werden sollen". Deutschland sei nicht souverän. Gesendet wurde die Mail am 24. Februar 2013, als Absenderkennung erscheint die private Mailadresse von Weidel, die sie auch heute noch nutzt. Unterschrieben ist das Ganze mit: Lille.

Das Denken, das aus diesen Zeilen spricht, offenbart die ganze Palette der Neuen Rechten, vom Ausländerhass über die Theorien vom Untergang des deutschen Volkes bis zur Ideologie der Reichsbürger, die keinen Frieden mit der Bundesrepublik machen wollen.

Aber ist die Mail echt?

Die Absenderin verwendet keine Umlaute – was auch in deutschsprachigen Mails manchmal vorkommt, wenn jemand im englischsprachigen Umfeld arbeitet und es gewohnt ist, so zu tippen. Im Februar 2013 war Weidel noch bei Allianz Global Investors beschäftigt, einer Tochtergesellschaft des Versicherungskonzerns, in der auf Englisch kommuniziert wird.

Die Welt am Sonntag legte Weidel vor der Veröffentlichung zunächst nur den Text der Mail vor. Weidel bestritt, ihn geschrieben zu haben. Dann veröffentlichte die Zeitung den Screenshot, eine Bildschirmfotografie der Original-Mail. Noch am Sonntagabend ruderte Weidel im "Wahlchat" von Welt/N24 zurück. Auf die Frage, ob sie eine eidesstattliche Versicherung abgeben werde, dass sie die Mail nicht geschrieben habe, sagte Weidel: "Das werden Sie sehen, was wir tun werden." Bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe am Dienstagabend hatte sie offensichtlich nichts unternommen.