Preisfrage: Wann spielt die im Folgenden kurz zusammengefasste Erzählung? Im Jahr 2014, 1921 oder 1889?

Der Protagonist heißt Graf Henri Neville. Mit seiner über alles geliebten, sehr schönen und weitherzigen Frau sowie seinen drei Kindern namens Oreste, Électre und Sérieuse lebt er in den belgischen Ardennen auf dem Familienschloss Chateau du Pluvier. Jedoch nicht mehr lange. Der Graf ist bankrott. Der Auszug aus dem Schloss steht bevor. Ein letztes Mal werden die Nevilles ihre alljährliche, berühmte Gartenparty geben, welche traditionell am ersten Oktobersonntag stattfindet.

Am Tag zuvor, dem zeitlichen Beginn der Geschichte, ereignet sich etwas Mysteriöses. Eine Wahrsagerin wendet sich an den Grafen mit der Mitteilung, sie habe in der Nacht die 17-jährige Tochter Sérieuse im Wald gefunden. Schlotternd vor Kälte habe das Mädchen ganz allein auf dem Boden gelegen. Als die Wahrsagerin dem Grafen seine Tochter übergibt, macht sie ihm eine schlimme Prophezeiung: Er werde einen Mord begehen. Und zwar demnächst. Er werde auf der Party einen seiner Gäste eigenhändig abmurksen. Wen, das verrät die Wahrsagerin bedauerlicherweise nicht. Der Graf rätselt. In Gedanken geht er die Gästeliste durch, auf der sich durchaus Personen befinden, die er nicht ungern aus dem Leben scheiden sähe. Aber zum Mörder, ja möglicherweise zum verurteilten Insassen einer Haftanstalt werden? Keine hübsche Aussicht.

Graf Henri Neville mag die geheimnisvolle Prophezeiung nicht für sich behalten. In langen, existenzphilosophisch angehauchten Dialogen debattiert er den moralischen Konfliktfall mit Sérieuse, die sich entgegen seinen Hoffnungen zu einem stumpf introvertierten, von pessimistischer Schwärze umflorten und insgesamt problematischen Backfisch entwickelt hat. Suizidale Gedanken bedrängen das Unglücksgeschöpf, das nun auf eine wahnwitzige Idee verfällt: Wenn die Vorsehung den Vater schon zwingt, auf der Gartenparty jemand aus dem Weg zu räumen, dann böte es sich doch an, sie selbst, die depressiv gestimmte Tochter, als Opfer auszuwählen. Zwei Fliegen mit einer Klappe sozusagen.

Wie die Story endet, soll hier nicht verraten, die Preisfrage aber aufgelöst werden. Der Roman Töte mich der belgischen Erfolgsautorin Amélie Nothomb spielt allen Ernstes im Jahr 2014. Also quasi heute.

Es gibt Literatur, die ist so naiv, so daneben, dass man es nicht schafft, etwas Schlechtes über sie zu sagen. Es ist wie mit kleinen Mädchen, die im Abendkleid der Mutter durch die Wohnung wackeln. Auch wenn sie den Kleiderschrank in ein Chaos verwandelt haben – man kann ihnen nicht böse sein.

Amélie Nothomb: Töte mich.
Aus dem Franz. v. Brigitte Große; Diogenes Verlag, Zürich 2017; 110 S., 20,– €