DIE ZEIT: Herr Rauch, in der vergangenen Woche ist der große Leipziger Maler Arno Rink gestorben, der nicht nur Ihr Lehrer gewesen ist, sondern auch Ihr Freund. Deshalb nehmen Sie sich Zeit für ein Gespräch.

Neo Rauch: Über ihn, über uns. Man muss unbedingt die Bedeutung seines Schaffens in die Welt tragen. Er ist jahrzehntelang unter Wert gehandelt worden, unter dem Radar der Skribenten und der Kuratoren geblieben. Es ist ungerecht.

ZEIT: Wann haben Sie Arno Rink zuletzt gesehen?

Rauch: Am Tage seines Todes, am Dienstag.

ZEIT: Im Krankenhaus?

Rauch: Mit meiner Frau, seiner Frau, seiner Tochter. Sein Sohn war im Urlaub, wir haben ihn gedanklich und im Gespräch mit einbezogen. Wir umsaßen Arno Rinks Sterbebett, im Krankenhaus, zu viert. Manches Mal lag fast so etwas wie Gelöstheit in dieser Situation. Wir haben uns Geschichten erzählt, er lag zwischen uns.

ZEIT: Ein Besuch am Sterbebett ist vielleicht der intimste Besuch, den man machen kann.

Rauch: Ja. Ja. Es ist sicher nicht jedermanns Sache, so einer Einladung zu folgen. Manch einer hätte dankend abgelehnt. Auch unter den Bedingungen einer starken Hingezogenheit zum Sterbenden. Nicht jeder sieht sich in der Lage, dem beizuwohnen. Aber diesem Moment, seinem Abgang, wohnte eine große Würde inne. Eine Würde, wie er sie im Leben auch verkörpert hat.

ZEIT: Standen Sie zuletzt immer in Kontakt?

Rauch: In den letzten Monaten und sogar Jahren. Wir sind in seiner sich zuspitzenden Krankheitslage immer enger seelisch miteinander verwachsen. Das hat auch damit zu tun, dass meine Frau eine Ausbildung in Energiemedizin hat, sie übt sich in der Kunst des Handauflegens. Landläufig formuliert.

ZEIT: Was heißt das?

Rauch: Sie hat ihm vor Jahren angeboten, dass sie ihm diese Zuwendung verabreichen würde, wenn er das wünscht. Zu meinem und unserem großen Erstaunen war er dafür offen. Und er hat es sehr genossen. Es ist eine nicht schulmedizinische Heilmethode, deren Wirksamkeit nicht im offiziellen Sektor der Medizin nachweisbar ist.

ZEIT: Eine Form der Beruhigung?

Rauch: Eine unterstützende Form der Therapie. Und ja, wenn eine deutlich jüngere Frau zu einem Bettlägerigen kommt, ihm die Hand auflegt, ihn berührt, kann das unbedingt lebensverlängernd wirken. Und wenn nicht, zumindest lebensverschönernd. Er hat diese Momente, glaube ich, sehr genossen. Ich habe mich gewundert, weil diese Heilmethode auf einem Gebiet angesiedelt ist, dem er, glaube ich, immer etwas misstraute. Also im weitesten Sinne: der Esoterik. Aber er hat das mit sich geschehen lassen, es spürbar genossen. Er war eben ein harter Typ mit weichem Kern, wie das meist so ist.

ZEIT: Was für ein Mann war er?

Rauch: Eine Erscheinung. Er hob sich schon habituell heraus aus der Masse der T-Shirt-Träger und Sandaletto-Latscher. Er war jemand, der großen Wert auf sein Erscheinungsbild legte, er hatte eine bestimmte Vorstellung davon, wie er zu rezipieren sei. Das Habituelle war ihm eine Rüstung, die seinen sehr weichen Kern nach außen hin stabilisierte.